Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach außen fast fensterlosen Schloß des Königs „René des Guten” zu Tarascon saßen. Le bon roi René war ein poesievoller König der Provence; er hatte Phantasie und Güte — kann es schöneren Bund geben? Auch Frédéric Mistral ist ein bon roi René, ein guter König der Provence, aus dessen Wesen die einfache Güte eines edelnatürlichen Menschen leuchtet. Wenn ich alt werden soll, so will ich mir solch ein Abendrot um meine Welt wünschen.

Aber auch dann werde ich nicht aufhören, alles Schöne zu verehren, berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schönen Gemälden, großer Musik — und niedlichen Zöpfen mit ganz entzückenden Gesichtern dazu! ...

Hier schaute mir Frau Eleonore in die Blätter; ich neckte sie sofort, indem ich recht herzhaft für ferne Schönheiten schwärmte. Doch nun droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kämpfend schreib' ich nur noch eben hin: — bitte, liebste Mägdlein, schreibt mir einen Gruß nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt selber zu eurem — von Heimweh nach dem Land der Schönheit durchglühten

Troubadour.

Nachschrift der Frau Eleonore. Solche Liebesbriefe vertraut mein Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen, soll sie absenden! O mein Ingo, was verstehen denn wohl diese blutjungen Mädchen von deinen sehnenden Gedanken? Und was wissen sie denn wohl von der Kraft und Tiefe, mit der eine reife Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst du solche Tändelbriefe ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend zumuten, daß ich deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht aberziehen? Willst du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo Freiherr von Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht bekannte bürgerliche Fräulein Frank-Dubois — soll das einen würdigen Bund geben? Nein, lieber Schwärmer, so darfst Du denn doch nicht auf meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief nicht ab, sondern verschließe ihn schweigend in meine Kassette.

Eleonore von Poitou.

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Cette am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes.

Liebe Freundinnen!

In einer toten Hafenstadt, deren nächtliche Laternenreihen gespenstisch an den stummen Kanälen stehen, übernachten wir. Meine letzten Briefe waren — Kirschbaum; dieser ist — Zypresse. Zwischen Kirschbaum und Zypresse saßen dort die zwei Schönheiten, die mir das Herz ein bißchen verwirrt haben: die zapplige Jüngste dem heitren Kirschbaum näher; Sie aber, meine Stille, nahe an der Zypresse.