Eleonore.

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Arles, im Lenz.

Am letzten Sonntagvormittag, meine süßen Mädchen, haben wir den mehr als achtzigjährigen Dichter der „Miréio” und andrer Gesänge, Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen Maillane bei Saint-Rémy aufgesucht.

„Merci de votre bonne visite” — das Schlußwort des liebenswürdigen Greises tönt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde waren wir bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu danken für das, was er getan, für das, was er ist. Wie artig war er zu Eleonore von Poitou! Blumen gab er ihr aus seinem Garten. Zwei drollige Hunde hängten sich neckisch an Frau Eleonorens Mantel — „Toutours” hieß der eine, der sie gar nicht mehr loslassen wollte —, um uns her blühte der einfache Dorfgarten, zu ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist nur wenig gebeugt, kam uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter entgegen, in seinem bekannten weißen Spitzbart, so daß ich ihn gleich erkannte. Ich erzählte ihm von Thüringen, dankte ihm, daß er das Banner des Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit, die überflutet ist von Literatur, nicht aber von Poesie. „Und Poesie ist eine so einfache Sache”, bemerkte er lächelnd. „Man braucht nur die Kinder anzusehen: ein Kind weiß ganz von selber, was Poesie ist. Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur im Herzen Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.” — „Das ist es!” rief Frau Eleonore innig. „Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen — wie köstlich war Ihre Jugend! Ein entzückendes Buch!” — „Ich hörte, daß man in Deutschland einen Auszug daraus für die Schule hergestellt hat.” — „Sie haben überhaupt viel Freunde in Deutschland.” — „Ja, man beschäftigt sich dort wissenschaftlich mit dem Provenzalischen sehr eingehend; ein deutscher Professor schreibt mir sogar geläufig und ohne Fehler Briefe in provenzalischer Sprache.” — „Der Name Mistral ist bei uns untrennbar mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral, Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Büchern, in Ihrem Lexikon, im Museum zu Arles Dauerndes für dieses Land getan. Wir wollten Ihnen also danken, nicht nur für Ihre glänzenden Verse, sondern dafür, daß Sie uns andre ermutigt haben: Ihr Name bedeutet ein Programm, ein Symbol, wie man seiner Heimat treu bleiben und doch ins Große wachsen kann. Dafür wollten wir Ihnen danken” ...

Meine Freundinnen — lassen Sie mich Sie beide so nennen, denn in hohen Stunden bin ich allen guten Menschen gut! —, ich wallfahrte gern zu Stätten, wo bedeutende Geister und Herzen ihren Mitmenschen etwas zu künden wußten aus höheren Sphären. So war ich in Stratford am Avon an einem wolkenlosen Sommertag; die glührote Sonnenscheibe ging unter, als ich von Warwick kam, und die ebenso große rote Mondscheibe stieg auf, als ich im Kahn auf dem nächtlichen Avon hinter dem Kirchhof langsam einherfuhr, zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so war ich in Schottland bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert Burns in Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo und in Assisi bei Sankt Franziskus — und so sind mir von Kindheit an Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Stätten. Und so war ich nun in Vaucluse und Maillane — und war auf dem Hügel der Mozart-Mädchen! Sagt einmal, Mozart-Mädchen, ist es nicht alles ein und dasselbe? Seid nicht auch Ihr beide Offenbarungen der Schönheit?

Mistral hat aus den öden Rhonelandschaften Crau und Camargue die dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite steinige Steppe, die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden und wildem Geflügel. Und doch hat er sie lebendig gemacht. Ein schöner Menschenschlag in dieser Provence! Schön sind die Arlésiennes, aber ich habe schon schönere Mädchen gesehen ...

Ach, von des Hügels fernherlachendem Zauber
Will sich noch immer kein Bote des Himmels lösen
Und mir sagen, ob ich die Eine minnen —
Oder ob ich sie wieder vergessen soll?

Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht
Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brückchen,
Daß mein Bote, mein leichthintanzender Bote
Bald und gewiß die freundliche Botschaft bringe!

Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten,
Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten,
Senden mögen: soll ich die Eine minnen?
Oder — —?