Hier hat Petrarka vom weiblichen Rätsel geträumt. Ich will Ihnen eine Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben: „Da ich den mir eingeborenen Widerwillen gegen Städte überhaupt und besonders gegen das mir verhaßte Avignon nicht überwinden konnte, so suchte ich mir einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort, um mich dahin wie in einen Hafen zu flüchten. Ich fand fünfzehn Millien von Avignon ein gar kleines, aber einsames und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt (vallis clausa, Vaucluse), in welchem die Quelle der Sorgue, die Königin aller Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz dieses Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bücherschatz dahin aus. Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im Schatten dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele Jahre in mir loderte, zu kühlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein Flüchtiger in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wußte nicht, was ich tat! Das Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende Sorge brachte ich mit; und in so großer Einsamkeit fand ich keine Hilfe gegen den um so heftigeren Brand. So brachen denn die Flammen des Herzens in Klagen aus und erfüllten das Tal, von manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist der Ursprung jener in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesänge der Liebe” ...

So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen — und so entstehen Troubadour-Briefe ...

In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrümmer und suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert provenzalischen Dichtern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts Lieder erhalten! Darunter waren fünf Könige, zwei Fürsten, zehn Grafen, fünf Markgrafen und fünf Vizgrafen — zum Beispiel Bertran de Born —, sechs mächtige Barone und neunundzwanzig Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst, mit Anmut zu lieben?!

Über die Gegend ziehen häufige Wolkenschatten — und ebenso über das Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ...

Die historische Eleonore — erlaubt diese Belehrung! — war Gemahlin Ludwigs des Siebenten von Frankreich und später des zweiten Heinrich von England und war die Mutter des berühmten Richard Löwenherz. Vollmenschen! Wußten kühn zu lieben und zu leben! Wäre doch mehr Genialität in unserer Krämerwelt! Die Luft war damals Musik von Waffenklang und Lautensang, von Heroismus und Liebe. Ein Buch „Heroismus” hab' ich geschrieben — nun möcht' ich der Minne gleichfalls ein freundlich Papier widmen — Papier?! O süße Mädchen, ihr habt so entzückend schmale und doch volle kirschrote Lippen — und wie singt Klopstock?

„Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge
Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!”

Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder, deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mühsam entziffert hat — aber das Leben? Das blühende Leben?! Den Troubadours und Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern, sie durchstreiften das ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde der Politik zu Hause wie in Herzensrevieren; und viele ritten in den Kreuzzug oder zogen sich am Ende der Umtriebe in ein Kloster zurück, wie Bertran de Born. Und ihre besungenen Damen? Es schickte sich, daß sie verheiratet waren; es gehörte zum Schmuck des Hofes oder der Burg, daß die Herrin von einem Troubadour gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mädchen, es war damals mehr Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte die Gattin besungen — aber der hatte es ja nicht nötig, Poesie zu dichten, denn er lebte ja Poesie! Und das Erleben ist doch immer wieder das Köstlichste! ...

Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht!

Der Troubadour.

Nachschrift. Vergib, Liebster, ich kann diesen Brief nicht absenden.