Richtig, Kinder — fast hätt' ich da nun zu jungen Damen „Kinder” gesagt! —, und da fällt mir ein, daß ich der Jüngsten jenes Liedchen aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun schwer halten; dergleichen muß von Mensch zu Mensch aufglühen, das kann man nicht aufs Papier festhexen. Der Gedanke war etwa dieser:
Losgelöst vom falschen Elemente,
Liegt am Strand das munterste der Nixchen,
Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer.
Und sie klagt: „Ich suche Seele, Seele,
Eines Mannes liebe Seele such' ich,
Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!”
Kommt ein Troubadour und neigt sich zärtlich,
Auszuströmen seine ganze Seele —
Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer!
Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Küste von Katalonien?
Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen: des Sängers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna Laura, die schönste Frau der Provence (außer Eleonore von Poitou) in Sonetten von ferne besungen. Die lebenslustigen Nixen lachten, als wir uns über diese Art von Liebe unterhielten. Denn es sind dort genußfrohe Nixen im Quell der Sorgue, unsterbliche Töchter der Elemente, die einst Petrarkas melodische Klagen belauscht haben. Der Sänger trug freilich die Kutte, war grundgelehrt, ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der Könige und Päpste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters Gattin und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte, war es um ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er sich orientierte, wenn er das Land der Schönheit betrat.
Ich habe dabei an Dich gedacht, Du — — halt, da verschnappt sich einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch beide gedacht, meine Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an welche? Ach, ich schüttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der Blüten oder Maikäfer oder Kirschen abschütteln möchte — aber Dein Bild sitzt in mir, süße Schöne, schöne Süße, und ich kann's nimmer abschütteln! Wozu auch abschütteln, was so froh macht? Wie sagt Meister Goethe? Der menschlichen Schönheit wohnt Heilkraft inne: wer sie erblickt, den kann nichts Übles anwehen, er fühlt sich mit sich und der Welt in Übereinstimmung.
Heil also dem ärztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem Troubadour und Spielmann!
Unverträumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grünen Sorgue bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fuß einer überhangenden gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein Bach, ein donnernder Fluß, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig kringeln sich die rosig vom Mittagslicht überhauchten Schaumwogen in die grünen Wasser hinein und springen über moosige Felsen den Abhang hinunter ins nahe Tal, um dort sofort Papiermühlen zu treiben — oder was sonst da unten geschäftig rauchen mag. Rasch ziehende, glänzend weiße Wölkchen fliegen wie Schwäne über tiefblauen Himmel — nach Südwesten, nach Spanien. Es ist ringsum ein Blühen, efeuumsponnene Büsche, wilde Feigen, Wacholder, Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen bizarre Linien in die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt fragend in den Himmel.