Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von Brahms, Schubert und Schumann, wandte sich in den Pausen nach den lauschenden Freunden um und fragte: „Seid ihr noch nicht müde, Kinder?” — „Wenn du nicht müde bist, Friedel —?” — „Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen Mitternacht wurde mit Tee und Brötchen oder mit einer von Richard glänzend bereiteten Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr seid geniale Zuhörer”, dankte die Sängerin, das Gesicht fächelnd, strahlend und gesättigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik ist in aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!”

Wo war das alles?

Kann Geniefeuer versprühen, das bis vor kurzem in dieser ungewöhnlich lebensvollen Frau gesprüht hatte? Nein, nein, es kann sich veredeln, verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...

„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglückliches Kind am Ärmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn nicht mehr? Warum sind wir denn so säuerlich ernst geworden? Warum bin ich denn so schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete Harfe, ich bin alt, alt, Kinderchen, ich bin über Nacht alt geworden!”

Mit keiner Silbe berührten sie und Ingo die provenzalischen Briefe an jene jungen Mädchen. Richard hatte von dem Dasein dieser Briefe überhaupt nur ein flüchtiges Wissen; bei guter Laune hätte er den Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen Ernst langweilte ihn solche Romantik.

„Du besuchst so gern katholische Kirchen”, scherzte der Gatte. „Bete zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.”

„Ach, spotte nicht, Liebster”, gab die Kranke zurück. „Was wißt ihr Männer, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst als Künstlerin die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!”

„Aber, Friedel, alternde Frau — wenn man so was hört!” versuchte Ingo zu trösten. „In zwanzig Jahren laß uns davon sprechen! Und selbst dann — hast du nicht oft von deiner lustigen Großmutter erzählt, daß sie noch mit mehr als siebzig Jahren die Jüngste war von allen? Etwas in uns wird immer jünger, lichter, geistiger; ein Herz voll Güte und Poesie kennt kein Altern. Denk an den greisen Mistral in Maillane, von dem du so entzückt warst!”

Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, stürzte der Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich hab' im ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt gibt ihn mit Vergnügen. Es sind wenig Gäste im Hotel; rechts und links nehmen wir unsere Zimmer und musizieren den ganzen Abend. Friedel muß sich mal wieder austoben, das seh' ich ihr schon lange an; was, Friedel?”

„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!”