Fünftes Kapitel
Lourdes
Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun
Und deinem Beistand fest vertraun,
So löse doch des Alters Binde
und mache mich zu deinem Kinde!
Novalis
W o war Friedels Feuerseele geblieben?
War diese Frau, die da neben zwei frischen Männern einherschlich, noch die einst entzückende Sängerin, die den Spielmann Ingo von Stein hingerissen hatte als Sieglinde und Isolde?
Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene Hausfrau?
Doch nein — wo waren die glänzenden Hauskonzerte noch vom vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, daß sich die siebenunddreißigjährige Frau in zehnjähriger Ehe glänzend entfaltet hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo als zwei einzige Zuhörer im Schatten des Hintergrundes saßen und die Frau am Klavier zwei und drei Stunden lang ihr loderndes Temperament entladen ließen, daß die Kämme und Nadeln aus den goldenen Haaren flogen — die zahllosen Haarnadeln, die dann der allezeit ritterliche Richard mit elegantester Gewandtheit, auf den Zehen, unnachahmlich komisch auflas, auf einer silbernen Visitenschale sammelte und zum Schluß mit gebeugtem Knie der Künstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der herausgeschleuderten Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend festgestellt. Doch nicht selten geschah es, daß man ergriffen und begeistert die Feststellung vergaß.
Oder wenn Friedel und Ingo vierhändig Symphonien von Brahms und Beethoven spielten, daß die Wände bebten beim Fortissimo und die beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster flog beim Adagio — wo war das?