„Schon als ich Kind war, flogen mir bei großer und schöner Musik Schauer über den Rücken”, plauderte sie; „ich spürte Musik körperlich. Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches Bad. Oh, ich kann euch sagen, ich war ein unbändiges Kind, der Schrecken meiner Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. Ich weiß noch, so gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine Freundinnen immer mehr für Jünglinge interessierten, konnte ich das gar nicht verstehen, denn bei meinem wilden Springen und Raufen fehlte mir jedes Gefühl für sentimentalen Geschlechtsunterschied. Ich stand vor einem Rätsel, meine Gespielinnen wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos allein. Aber ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an mein Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von schönen Blütenbäumen groß geworden! Oft war ich ganz mit Blüten überstreut, wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase gelegen hatte und vor Heimweh nach den Abendröten zu sterben vermeinte. Denn übergroße Schönheit macht mir körperlichen Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter den glühenden Wolken, dort mußte meine Heimat sein. Und meine Seele spannte — halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!”
Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit Schumanns seelenvolles Abendlied: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküßt”.
„Wenn ich dann ins Haus zurückkam, hatte ich lange mit einer Art von Betrunkenheit zu kämpfen, bis ich mich wieder in der Erden-Wirklichkeit zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein Großvater krank und lag viele Monate in wunderbarem Seelenfrieden zu Bett. Keiner ging ungesegnet von diesem Leidenslager hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Güte. Unsre lebhafte Großmutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war kurz vorher gestorben. Und so fiel mir dreizehnjährigem Backfisch die reizende Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich saß mit meinem dicken Zopf im riesengroßen Saal am Flügel, glühend vor Glück und Begeisterung; und der Großvater lag nebenan im dunklen Zimmer, in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe hineinfiel. Und nach jedem Stück rief er ein Wort des Dankes. Oh, ich war selig vor Glück, jemandem Schönes geben zu dürfen — und und er sagte dann oft: ‚Kind, das ist der Himmel auf Erden.’ Meist spielt' ich Mozart und Beethoven, dann sämtliche Oratorien, die ich von Großmutter kannte, wobei ich alle Stimmen ohne Ausnahme sang. Und da dies dem Großvater sehr behagte und ihm niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so früh hat das begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewöhnt.”
So erzählte die heute wieder von innen heraus leuchtende Künstlerin. Und die verständigen Männer ließen sie lächelnd gewähren, stimmten wohlgefällig bei und verallgemeinerten unmerklich das Gespräch zu Bemerkungen über die Opferkraft und Zähigkeit der Frauen überhaupt.
„Wir sind wunderliche Geschöpfe”, sagte Friedel. „Ich fürchte mich, im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen Aussprache; aber in großen Gefahren — das wirst du mir bestätigen, Richard — kenn' ich keine Spur von Angst.”
Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem Rhythmus zu der Mission der Frau hinüber. Man knüpfte an Wagners Frauengestalten an: die Erlösungskraft der Senta im Fliegenden Holländer, Elisabeths heiligende Einwirkung auf Tannhäuser, Kundrys Entwicklung vom Dämonismus zum Dienen. Dann erwähnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und die Aufgabe der jungfräulichen Agnes, den kranken und verbitterten Ritter in ein neues Leben zu führen.
„Es sind Walküren, solche Frauen,” sprach er, „sie führen den kämpfenden Helden in heilige Hallen.”
„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” rief Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses großartige Symbol jungfräulicher Mütterlichkeit! Jungfrau und Mutter zugleich! Wissende Reinheit! Der Protestantismus ist arm, daß er die Madonna nicht mehr hat; und wir können den Malern nicht dankbar genug sein, daß sie diesen Typus festgehalten haben. Über meinem Bett hängt oben Raffaels Madonna Sixtina und unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur Madonna — das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das Höchste.”
So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gespräches ganz von selber harmonisch hinüber zum Hirtenmädchen von Lourdes und zur Madonna der Wundergrotte.
Da vernahmen sie draußen einen fernen, vielstimmigen Gesang. Und als Richard Fenster und Laden öffnete, hatten sie, in die Nacht hinausschauend, einen großartigen Anblick.