Die Kirchengebäude, die sich dort im Schatten der nächtlichen Pyrenäen erhoben, erglühten von oben bis unten in einem überwältigenden Goldglanz. Den Rändern und den Portalen entlang waren elektrische Lämpchen entzündet, und nun stand die schlanke obere Kirche flammend mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr das große rundliche Portal der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter Anblick! Als ob die Gottheit einen Tempel gebaut hätte aus Funken und Flammen, statt aus Steinen. Dazu wogte der Männergesang einer Prozession herüber, deren Kerzen nun durch die Frühlingsnacht sichtbar wurden; und man unterschied den immer wiederholten Kehrreim: „Ave, ave, ave, Maria!” Es war ein vielstimmiger Gruß an die Himmelskönigin, dargebracht mit Licht und Schall, aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.

„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um ihres Gatten Schulter. „Man möchte fromm werden und mitsingen.”

Und die andere Hand Ingo reichend fügte sie weich hinzu: „Kinder, wir wollen einander gut bleiben, nicht wahr?”

„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmütig und meinte damit die katholische Kirche.

„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprägt und eingezwungen”, fügte Ingo hinzu, der Friedels Händedruck etwas zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern lange zehren.”

Zum Überfluß dröhnten noch irgendwo Böllerschüsse; das alte Schloß stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic du Jer glühte ein großes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flämmchen hernieder.

„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische Major einige unwillige Bemerkungen fallen ließ. „Die Könige aus dem Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe Weihrauch, Myrrhen und Gold, die Engel ihre Lobgesänge, die Hirten ihre Anbetung — und diese Pyrenäenhirten Beleuchtungen, Gesänge und Prozessionen. Das Leben bildet mannigfache Formen, auch das religiöse Leben. Doch mich interessiert vor allem die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die diesen Ort berühmt gemacht hat.”

So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend zur Nachtruhe zurück.

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Lourdes, im Frühling.