„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprächsweise nur der Baron genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's nicht gleich gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke für die schönen Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine Silbe mehr von sich hören lassen? Wir waren Ihnen schrecklich böse! Martha war anfangs fast melancholisch. Ich auch!”

„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, „ich werde grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswürdig sein.”

So begrüßte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit der Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche Frau und kränkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger Geschäftsmann, mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und unendlich graziösen Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor der Musik, Kaufleute, Herren und Damen aus der Gesellschaft, junge Deutsche, die in Barcelona geschäftlich tätig waren und sich an diesem Abend als Dolmetscher zwischen den zwei oder drei Sprachen nützlich machten. An wahren Schönheiten, das übersah der geübte Ingo mit raschem Blick, war nur noch eine echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und ihre Rasse prächtig vertrat.

Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, überstrahlte alle.

Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert einfügte. Als man bei einem Rundgang durch die Räume am Flügel haltmachte und der Musiker einige Sätze aus der Mondscheinsonate zum besten gab, ließ ihm Ingo durch den Dolmetscher Komplimente machen über seine romanische Umfärbung Beethovens, und es entspann sich, mit Hilfe des geschickten Dolmetschers, ein Gespräch über Musik. Mit Carmens Eltern sprach er über den Unterschied zwischen Katalonien und dem übrigen Spanien; man stellte fest, daß Provence und diese spanische Nordprovinz sprachverwandt seien, und daß beim Kongreß der félibres, unter Mistrals Führung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der vielgereiste Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten. Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprächs, wußte er durch irgendeine Lücke hindurch nach Martha zu spähen, die aber den Blick nicht erwiderte.

Er war ahnungslos.

Er machte sich innerlich Vorwürfe, weil sein Geschmack feststellte, daß sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht den günstigen Eindruck bestätigte, den er von ihr in Erinnerung trug. Die Bewegungen der Elsässerin waren — zumal neben der Pariserin — von schwerfälligem Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, aber etwas täppisch laufenden russischen Windspiel; ihr Gesicht war mehr treuherzig als geistvoll; auch unterhielt sie sich fast gar nicht, sondern ließ sich unterhalten. Er steuerte unauffällig durch die belebten Gruppen und machte sich kundschaftend an Frau Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame bestimmt war.

Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen unter die Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen Säulen märchenhaft angelegt waren, mit Lampions und Blumen reizend verziert. Vier blinde Musiker aus Barcelona sorgten für Tafelmusik. Und nun ergossen sich, aus Silber, Porzellan und Kristall, die Genüsse der Tafel über die sehr laute und heitere Gesellschaft, wobei vor allem die Deutschen den südländischen Weinsorten, vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold, mit Bewunderung zusprachen.

„Die Älteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafür hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkäfer gesetzt, der für Sie schwärmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher Bruck. Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!”