„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor Jahren oben.”

„Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, daß ich Spanien nicht sehr liebe”, fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem Volk der Stierkämpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, waren mit Bluthunden hinter den Indianern her, haben Torquemada, Alba und die Inquisition erzeugt — ein fanatisches Land, kein Land der Liebe!”

„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, fügte Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart. „Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den Gral des Christentums gegen die Araber behütet.”

„Das ist wohl wahr”, räumte Ingo ein. „Aber es saßen damals Germanen in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen Deutschland hat sich der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine europäische Mission der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und wachzuhalten. Wolfram von Eschenbach hat sie nach Deutschland getragen, Richard Wagner hat die alte Burg neu erbaut im Herzen moderner Kultur und Kunst.”

„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.”

„Waren Sie in Bayreuth?”

„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.”

„Wunderbare Gegenstücke! Der Edelstein des Heils — und das Gold des Unheils! Jener kommt aus der Höhe — dieses aus den Tiefen. Dort eine Taube — hier ein Drache. Wunderbar!”

„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, daß Parsifal ein geläuterter und erlöster Siegfried ist. Auch der Drachentöter hat einen Speer, tötet damit und wird getötet. Aber Parsifals Speer heilt.”

Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung dieser tiefen Symbole; sie nahmen einander förmlich das Wort von den Lippen und setzten sofort ein, wo der andre aufhörte. Im hochgebildeten Freiherrn von Stein wurde die einfach-große Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder lebendig; es arbeitete etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand war kein Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend: sein Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten Barden an Gestalt nicht unähnlich, schien gefüllt zu sein mit solchen Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis überzeugte.