„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht haben,” sprach der Freiherr, „so muß es sehr schwer zu erringen, sehr kostbar und sehr geheim sein.”
„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein.
„Ja, denn diese großzügige Einfachheit ist eine Summe von tiefsinnigen und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, fuhr Ingo fort. „In einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze Umwelt. Und so ist wohl der Gral gesammelte Kraft.”
„Ganz gewiß, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn er hängt mit dem Karfreitag zusammen.”
„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher Legende. Die Sage vom Wunschgefäß — vom Tischleindeckdich — vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, aus der das letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also ritterlich und religiös zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und Gebet, Phantasie und Ethik! Ja, bis ins alte Indien führt sie zurück: das Wunschgefäß, das so viel Segen gibt, soll die Sonne selber sein, aus den Drachenwolken herausgekämpft von Indras Speer.”
„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, hat man es sogar für einen Meteorstein gehalten,” fügte Bruck hier lächelnd ein.
„Und Munsalvaesch mag man ja von sauvage ableiten und als Wildenberg deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir die Ableitung von salvus: Heilsberg.”
„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals verloren”, schloß der Konsul und schaute ernst an den Tempelmauern dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute weder Ehrfurcht noch Heiligtum und müßten in einer neuen Mysterienschule erst wieder nachdenksame Einsamkeit lernen.”
Als sie hinaufkamen vor die großen, vielstöckigen und mehr massiven als schönen Häuserkasten aus rötlichem Stein, die sich unter überhangenden grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, verhandelte der Konsul mit den Angestellten und ließ sich eine Wohnung von zehn Zimmern öffnen, so daß jede Person zwei Zimmer zur Verfügung hatte. Ein Vorraum und ein Eßzimmer in der Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch vorbehalten; die Betten wurden überzogen; ein Glasschrank enthielt die nötigen Gläser und Geschirre.
Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten, großen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flüchtlingen aus der Bruthitze der Ebene überfüllt zu werden pflegt. Frau Bruck hatte ihr Dienstmädchen mit; es knisterte bald in der Küche; und Ingo saß, als Gast dieser ernstgestimmten Familie, mitten in Spanien an einem deutschen Tisch.