Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch einmal unten die Klostergebäude; hier war es, wo die dreizehn Einsiedler das salve regina zum Heiligtum hinuntersangen. Und hier, auf diesen spärlichen Mauerresten, standen Eremitage und Kapellen von Santa Anna. Weiter oben sind die Trümmer von San Benito; und ganz oben und hinten, ein wahrhaftiges Schwalbennest an scheinbar unzugänglichem Felsen, hängt das Trümmergemäuer der Einsiedelei San Salvador.
Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn dieses Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfänger. Amseln schmetterten in der Ferne; kleinere Singvögel belebten mit leiseren Stimmen die liebliche Nähe.
Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!
Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem Ton von Blume zu Blume, so daß es klang wie unterirdischer Glockenhall, der dem Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle Geräusche, auch die Stimmen, erhalten zwischen jenen Felsen volleren Hall und stärkere Bedeutung. Die Einsiedler durften sich kein Haustier halten; sie aßen kein Fleisch; aber ihre Gefährten waren die wilden Vögel, die sich unscheu in der Hütte niederließen und mit dem frommen Manne Freundschaft schlossen. Gebet, Geläut und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser laudatio perennis, diesem ewigen Lobgesang, der über den Berg ging.
Auf den Trümmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo eine Steineiche aus den Überbleibseln der Mauer dringt, vernahmen die Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her Kirchengesänge. Zugleich wurde das östliche Land ein wenig nebelfrei und gestattete einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drüben aber, am scheinbar pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit einem belasteten Maultier langsam zu Tal. Im übrigen war das ganze Gelände von einer erhabenen Einsamkeit.
„Wir wollen höher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns einen Weg nach San Salvador bahnen.”
Der Fußpfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und durch Gestrüpp versperrt. Doch oben ist ein gefälliges Höhlengemach in den Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mühe des Aufstiegs lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Röhre mit einer höher gelegenen Zisterne verbunden, so daß der Siedler wie aus einem Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten ließen es sich angelegen sein, zunächst eine Zisterne anzulegen auf diesem nicht wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen Wasser sammelten. Sie ummauerten den Behälter und schützten das wertvolle Naß gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines Gärtchens sind bei San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue Lilien und Goldlack und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis später den Damen hinunterzubringen. Und welch ein uralt Gemäuer! Schon im Jahre 1272 starb hier oben ein Anachoret, der fünfundvierzig Jahre diese hohe Siedelei bewohnt hatte. Der Blick von hier nach Süden und Osten, über die wechselnd beleuchtete Ebene, fängt gewaltige Schönheit ein. Gegen den Nordwind schützen Felswände. Und durch das Gestrüpp tastete sich Ingo zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewährte: nach San Antonio und jenem natürlichen Felsenturm, der Caball Bernat heißt. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein Kuckuck rief aus dem neuen Frühlingstal herüber; Felsen-Rundtürme erhoben sich in unmittelbarer Nähe, Giganten der Urzeit, verzauberte Gralsritter, die in dieser feierlichen Einsamkeit ein Geheimnis hüten.
„Ist dies der ältesten Götter
Unheimlich erhabenes Haus?”
Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Höhle auf seinem Mantel liegend, während Bruck Vorräte auspackte.
Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie paßte mit ihrem idyllischen Geklimper nicht mehr in solche großzügige Umgebung. Doch schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, unter dessen Eindruck er stand.