Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzählen; Stein hörte mit vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem älteren Gefährten zu.
„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die ihnen innewohnende natürliche Würde und Schönheit erhaben über die sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken einer größeren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und Entscheidung durch die Mehrzahl von Köpfen, nämlich von Dummköpfen. Aber mit der sogenannten öffentlichen Meinung oder mit dem sogenannten allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, das in Wirklichkeit eine grobe Vergewaltigung der Gebildeten durch den Pöbel ist, hat die höhere Wahrheit nichts zu schaffen. Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des Urwaldes oder in Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer meuchelmörderischen Bevölkerung — und Sie wachsen nach und nach über europäische Mittelmäßigkeit ein wenig hinaus.”
Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:
„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die — wie man es von den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen sind — mehr hören und sehen und fühlen als die gröber eingekörperten Mitmenschen. Diese gefährliche Begabung will natürlich Hand in Hand mit wachsender sittlicher und geistiger Reife ausgebildet sein, sonst treiben solche sensitiven Menschen ins Chaos und wissen sich unter ihren Stimmen und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. Hellsehen und Hellhören, automatisches Schreiben, wobei der Arm durch eine magnetische Gewalt gelenkt wird, Schreiben mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop, welches die Buchstaben bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische Beeinflussung die Schreibenden lenkt — von solchen Verbindungen mit der unsichtbaren Welt werden Sie vielleicht schon gehört haben.”
Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefühl nicht zurückdrängen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.
„Ich weiß wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten und Querköpfe sorgen dafür, daß dies alles verzerrt und verunreinigt an die Öffentlichkeit kommt. Und die Öffentlichkeit verzerrt das bereits Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen genügend eiserne Zucht und Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. Und diese wenigen haben der Masse gegenüber schweigen gelernt.”
Der Konsul fügte abermals eine Pause ein, entnahm dann seinem Rucksack ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann fuhr er fort:
„Auch ich und meine Zugehörigen, einschließlich eines Vetters, entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren als willensfeste Naturen und klare Köpfe nicht gewillt, uns diese Dinge über unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir sichteten, wir waren im Umgang wählerisch auch in der Geisterwelt. Hierbei wurden wir unterstützt durch Meister und Schutzgeister. Dieser Weg ist keine Tändelei; der Neugierige kommt nicht auf seine Rechnung, sondern wird gefoppt; für uns war es ein langsames Fortschreiten durch Prüfungen zu Missionen, wobei wir wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis. So bekamen wir durch unsre geübten Organe hindurch Mitteilungen aus der uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.”
Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Fülle seiner Bildung heraus ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Konsul sah es und sagte:
„Lächeln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das gar nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wären meinem sogenannten Unterbewußtsein entschlüpft. In diesem Kasten hat ja alles Platz, auch Götter und Geister.”