„Irgendwo in Ihrem Kreise muß doch das stecken!”

„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie meinen also hartnäckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen da drüben an der Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen. Nun also, lassen Sie sich in Ihrem Wahn nicht stören! Ich will Ihnen nur noch sagen, wie dieses Geistchen ausgesehen hat: die Gestalt war durchsichtig, das Gesicht ein feines Oval von mattem Weiß, die Haare silberhell wie Mondschein, und zwar selbstleuchtend, die Augen von einem tiefen, fast grünlichen Blau. Oh, sie sind herrlich, diese Gäste aus dem Lande der Schönheit!”

So erzählte der Konsul.

Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen Menschen.

Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich zu ihm herangedrängt hatten und um Förderung baten.

„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach der Konsul, und der ernste, kühle Westfale wurde nach und nach sichtlich weich und warm, „durch das ganze Reich der Geister und der unerlösten Natur geht die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Sehen Sie, da kam einmal der Geist eines armen Berliner Kindes zu uns, das nach Hunger und Mißhandlungen früh gestorben war. Es erzählte uns seine Geschichte, wie es auf den Stufen einer Kirche vor Sehnsucht hinübergeschlummert sei, nachdem es in einer Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte sprechen hören. ‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gütiges Wesen zu mir, und ich fühlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so unsagbar beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das war so schön, daß ich dafür keine Worte finden kann.’”

„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wärmere Schwingung geriet. „In den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, klingen Goethes Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis ruft in seiner berühmten Abendmahlshymne: Wenige wissen das Geheimnis der Liebe.”

„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich weiß es aus meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Mein Schutzgeist schärft mir das immer wieder ein.”

„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.”

„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der Konsul mit der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein Zufall, daß wir zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel eines spanischen Berges sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in Ihnen wirkten, um Sie nach Barcelona zu locken, haben ihr Werk rühmlich zustande gebracht und sitzen jetzt dort in den Blumen und freuen sich über unser Gespräch.”