Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer durchrieselt. Er starrte in diese große, fremde Welt, ohne etwas andres zu sehen als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute er dann einen Augenblick dem rätselhaften Mann ins Gesicht. Sollte etwas von des Troubadours verliebter Schwärmerei für Martha ruchbar geworden sein?

Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.

„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, daß wir in unsrem kleinen Kreise jährlich bestimmte Missionen auszuüben haben, die uns um die hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren leitenden Geisterfreunden erteilt werden. Und zwar Missionen an bestimmten Gruppen von Geistern, die grade durch unsre Wesensart gefördert werden können. Sie werden erstaunen, wenn Sie hören, daß etwa eine Gruppe von Lügengeistern zur Wahrhaftigkeit angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen einen geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem anfänglichen Unflat zu verkehren, wir könnten es ablehnen; aber es wäre nicht unser Segen. So führen wir diese Sitzungen zäh und regelmäßig jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen geläutert genug sind, reine Geister überhaupt wahrzunehmen. Denn in ihrem traurigen Zustand sind sie blind.”

„Merkwürdig! Merkwürdig!” murmelte Stein. „Sie lesen also sozusagen den Toten vor? Wie jener schwäbische Prälat mitternachts in der Kirche Gottesdienst hielt für die Geister?”

„So ungefähr. Nur daß der Ausdruck ‚Tote’ nicht paßt, denn die Bewohner der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs äußern sich manche höchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, ‚ich war sehr schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, auch wir könnten besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten Wüste lebte, kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht nach Besserem. Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen mir und euch. Dazu kam ein Hoffnungsfunke, der durch deine Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich dich: Ist es wahr, kann aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch eins: Was hast du für einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts geben können, zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile, wenn du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint mir das Höchste, doch fühle ich nichts von ihr.’”

„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen diese Wesen Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle hingezogen fühlen!”

„Sie ist der heilige Gral”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...

Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelöst und lag nun mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden Ebene. Die Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten Ausblick. Auf einer blauen Blume in der Nähe funkelte diamantener Tau, als glühte dort das Auge eines Elfchens liebesuchend herüber.

„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt zum Kosmos! Ich möchte ganz in diese Gralsburg eindringen.”

„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weißgraues Haar der Morgenwind spielte. „Ich bin glücklich, daß Sie mit Teilnahme zuhören. Noch viel von Elementargeistern könnt' ich Ihnen erzählen. Doch mitten in diesen kleinen Dingen steht hier die ernste Mission unsrer Geisterfreundin Santa. Sie hatte zwei Jahre lang eine Sendung auf Erden zu erfüllen.”