Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.
„Verzeihen Sie,” fügte er wie entschuldigend hinzu, „man darf von diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen von Gnomen und andren Geistern sind Spielerei neben der Gewalt und Größe des Kreuzes oder des Rosenkreuzes.”
Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien ein andrer zu sein als zuvor.
„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. „Können Sie mir Näheres darüber sagen?”
„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben rote Rosen blühen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus deren reifem und gütigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen Menschen glüht das Rosenkreuz. Denn die niedren Kräfte ihrer Natur haben sich verwandelt in die Rosen der Liebe. Die glühenden Wunden sind blühende Blumen geworden.”
„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz die Materie oder die Natur — und die Rosen sind das Geistige oder Ewige, was daraus erblüht?”
Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, da er fast immer ohne Hut ausging, auch bei kühlem Wetter.
„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben ist der andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen nichts von meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie zu glauben. Aber wer einmal das Wesen wahrer Liebe erlebt hat, der spürt und weiß, daß diese Seelenkraft unvergänglich ist. Ihm braucht die Ewigkeit der Menschenseele nicht bewiesen zu werden, denn er erlebt sie. Wir Seher bestätigen ja nur, was schon als Ahnung und Gefühl in jeder erwachten Menschenseele sicher verankert ist. Oder glauben Sie, daß durchleuchtete und liebende Menschen noch nach Beweisen für die Unsterblichkeit umhertasten?”
„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verständnis. „Denn das Unsterbliche ist ja in ihnen aufgeblüht.”
„Aufgeblüht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblüht! Und nun setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden Gral — und Sie haben das Geheimnis!”