So sang Hölderlin im Eingangsjahr des vorigen Jahrhunderts und ersehnte – er, der im »Hyperion« mit so zorniger Liebe sein Deutschland anklagte – in demselben Gedicht »rings unter des Vaterlands goldnem Himmel die freie, klare, geistige Freude«.
Wir haben sie längst, die heiligen Stätten und Berge, wir haben Wartburg und Weimar im innersten Deutschland, wir haben Sanssouci, den Kyffhäuser, den Brocken – und nicht dies allein, denn das sind ja schließlich nur Orientierungspunkte: wir haben aber auch in deutscher Philosophie, Religion, Dichtung, Kunst und Musik eine Fülle von Weistümern, von Tempeln und melodischen Hainen. Politisch und wirtschaftlich mag sich Europa gestalten, wie es eben der Staatskunst der Europäer glücken mag; aber geistig werden sie, so hoffen wir, in unsre reinlichen deutschen Gassen und Haine kommen, wie einst Gäste aus dem ganzen Mittelmeergebiet zu Pythagoras und Plato oder zu den olympischen Spielen gekommen sind.
Dies, und nichts anderes, ist unser eigentlicher »Imperialismus«, der jetzt so viel gescholten wird. Es ist einer unsrer tiefsten und stolzesten deutschen Gedanken: der Reichsgedanke. Einst trug er den weihevollen Namen »das heilige römische Reich deutscher Nation«; es ist die Vorstellung eines mächtigen Friedensreiches auf Erden; selbst im »Zukunftsstaat« der Sozialisten schimmert dieses Ideal hindurch. Durch Geschichte und Dichtung geweiht, liegt auch heute noch Kraft und Zauber in Wendungen wie »des Reiches Krone« oder »des Reiches Herrlichkeit«.
Kant oder Augustin und andere sprechen in Anknüpfung an das Neue Testament von einem »Reich Gottes auf Erden«, von einem »Gottesstaat«, einem »Königreich der Himmel«, und wie die Umschreibungen für ein Neuland der Seele lauten mögen. Am Schluß der Edda ist von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede; und so auch am gewaltigen Schluß der Bibel (Offenbarung Johannis). Hier klingen die schauerlichen Strafgerichte zuletzt in das strahlende, friedensvolle Gesicht einer leuchtenden Stadt aus: der Seher sah diese Stadt Gottes »herniederfahren aus dem Himmel«; und sah darin »keinen Tempel, denn der Herr ist ihr Tempel; und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie«. Ich will hier einen Gedanken formen, der phantastisch scheint und doch dem symbolisch geübten Blick sofort als real einleuchten muß: die Stadt Gottes oder das Idealreich edler Geister und Herzen schwebt allezeit unsichtbar in der geistigen Luft des Erdballs, in deren Schwingungen jeder von uns lebt. Das Gemüt des Sehers und Künstlers fängt Strahlungen von ihr auf; sie leben in ihm als Ideal; das Ideal fein und schimmernd wie die Zinnen und Bäume einer Fata Morgana, ist stets gewillt und bereit, sich herabzulassen in die Sichtbarkeit, sei es in das Herz eines einzelnen, sei es in das Gesamtempfinden eines würdigen, auserwählten Volkes. Dies ist das Herabsteigen des heiligen Grals. So schwebten schon Asgard, Walhalla, Folkwang als wahrhaftige Ideale über und in dem Empfinden der altgermanischen Herzen. Und man darf nicht etwa wähnen, sie seien nur nebelhafte Widerspiegelungen irdischen Denkens: – ist denn etwa die Sonnenglut bloß eine Widerspiegelung unsrer Herzensglut? Nein, sie ist Tatsache. Und so ist der Geist und das Göttliche absolute Tatsache; wir ehren und erhöhen uns, wenn wir unser Inneres zur Höhe des Ideals in Wechselwirkung setzen – wie das Auge zur Sonne.
Es ist ein Grundgefühl germanischen Empfindens, die Tatsächlichkeit der geistigen Welt oder des Ideals oder des Himmels oder der Gottheit genau so stark zu erleben, wie die Tatsächlichkeit der Sonne. Ohne diese Grundvoraussetzung ist der ganze »Faust« undenkbar; und ebenso undenkbar Dantes »Comödia«. In beiden Dichtungen sind Vorgänge der geistigen Welt geschildert, in der ein Teil unsres Wesens immerdar lebt. Wir müssen wieder symbolisch denken lernen, so werden wir zugleich geistiger denken und dem Geheimnis des Lebens näherkommen.
Haben wir 1870 eine sinnlich-sichtbare Krone aus Edelmetall geschmiedet, so handelt es sich jetzt im Jahr 1914 – unbeschadet aller äußeren Macht, die wir zu behaupten gedenken – um die Schaffung einer Seelenkrone aus einem noch edleren Stoff: aus Licht und Geist. Mit äußerem Blut ist jene Krone gekittet und mit besonnener Begeisterung geschmiedet; wieder mit körperlichen Opfern – aber noch mehr mit Herzblut wird die neue Krone geschmiedet werden. Denn unsre Prüfungen sind noch lange nicht zu Ende.
Sind wir damals aus einem kleindeutschen zu einem reichsdeutschen Bewußtsein erweitert worden, so wird jetzt eine andere Kraft in uns die Knospe sprengen, noch umfassender, noch geistiger:
ein kosmisches Bewußtsein.