Hier harrt unser eine Heldenaufgabe, die den Kämpfen draußen im Schützengraben ebenbürtig ist.

Allem Vereinfachen des Monismus zu Trotz ist der Mensch ein vielfältig Gebilde, mindestens eine elektrische Spannung zweier widerstreitender Kräfte: es ist in uns eine Polarität zwischen animal und anima, zwischen Tier und Geist, zwischen Schwerkraft und Schwungkraft. Dehmel, der jetzt trotz seiner mehr als fünfzig Jahre die Flinte trägt, hat diesen Zwiespalt oft geformt; er, dessen Geist immer mit einer Dumpfheit des Trieblebens rang, scheint sich nun dem Krieg wie einem Befreier vom Individualismus in die Arme zu werfen, froh des Anschlusses an sein Volk, froh der würdigen und großen Aufgabe. Nur im kämpfend zu erringenden Ausgleich oder Gleichgewicht zwischen jenen polaren Kräften ist der Idealzustand starken und edlen Menschtums erreichbar. Es ist wie die elektrische Spannung zwischen Sonne und Erde: eine Zweiheit, auf der letzten Endes das Geheimnis der Lebensflamme beruht.

Der oben genannte Chamberlain beginnt in seinem »Goethe« (München 1912) ein Kapitel mit folgenden Worten: »Es ist keine Redeblume, wenn ich behaupte, in diesem ersten antinomischen Widerstreit zwischen Maß und Ungemessenem, zwischen Schranke und Schrankenlosem, zwischen Teil und Ganzem liege der Grundstein zu Goethes Weisheit eingemauert« (S. 573). So ist es in der Tat auch meiner Überzeugung nach (vgl. Wege nach Weimar, Bd. VI). Alles Geniale des Geistes und alles Große des Herzens wird nur herausgeschlagen durch Widerstreit und Wechselwirkung der Kräfte. Liegt hier vielleicht für alle vornehmen Naturen ein seelischer Hauptwert dieses Krieges? »Denn wir ahnen die furchtbaren Bedingungen, unter welchen allein sich selbst das entschiedenste Naturell zum Letztmöglichen des Gelingens erheben kann«, äußerte Goethe vor Meisterwerken des scheinbar so mühelos und sonnig schaffenden Raffael.

So wird denn auch die deutsche Reichsseele nicht so einfach von außen erkämpft und uns dann bequem geschenkt oder verabreicht, sondern dieses Werden findet jetzt in uns allen statt. Diese Reichsseele, von der hier wiederholt gesprochen wurde, ist eine gemütserschütternde Geburt oder Errungenschaft; alle, denen es ernst ist, arbeiten an ihrer Gestaltung. Dieses Gottesreich ist kein fertiges Gebilde, das irgendwo wartet: es kann nur durch uns, in uns und an uns erlebt und durch Erlebnis gestaltet werden. Unser Seelisches arbeitet jetzt an diesem noch unfertigen Ideal. Fertig ist vorerst nur, vorhanden und wach die durch den Krieg großzügig und glutvoll belebte

schöpferische Stimmung.


Auf diese jetzt arbeitende schöpferische Stimmung setzen wir unsre Hoffnung. Und unsre Bitte sei diese: daß uns fortan nicht mehr »der klügelnde Sinn« bewegt, sondern daß uns »beflügelnde Liebe trägt«. Es gibt neue Reiche zu erobern, deutsche Jünglinge, sobald Kanonen und Gewehre ihre jetzige Arbeit getan haben! Nämlich Reiche der Innenwelt. Dieselbe Tapferkeit, die jetzt unser Außenreich verteidigt, wird auch das Innenreich nicht in Träumerei betreten, sondern in Eroberungsdrang. Aber mit Beherzigung der obersten aller Kräfte: der Ehrfurcht vor dem, was in und über uns, um und unter uns ist (Goethe). Jünglinge werden sich gegenseitig stärken als gute Kameraden in diesem Kriegszug nach dem unentdeckten Lande: nach dem Lande der Seelenschönheit, der Herzensgüte, des Menschenadels.

Wir sind das innerlichste Volk. Unser Wald ist berühmt durch forstliche Pflege. Wir Deutschen brauchen zur Erholung und Besinnung immer wieder den Wald. Aus dem Urwald ist unsre Zivilisation und Gesittung emporgerodet worden; unsre Ahnen lebten, jagten, beteten im Walde; unser deutsches Dichten ist in erster Linie berühmt durch Natursinn. Der Klang »Teutoburger Wald« steht am Eingang unsrer Geschichte; und wiederum der Klang »Sachsenwald« weckt eine Welt voll vaterländischer Gefühle. Wir lieben des Waldes Innerlichkeit und Tiefe; das Waldweben im »Siegfried« und der Karfreitagszauber in desselben deutschen Meisters »Parsifal« sind jedem gebildeten Deutschen bekannt und lieb. So auch der Osterspaziergang im »Faust«, so Grimms Märchen, Löwes Balladen, Schwinds und Richters Gemütsromantik. Deutsches Gemüt und deutsche Natur, obenan der Wald, gehören zusammen. Böcklin hat uns einen heiligen Hain und fremdartig tiefe Landschaften gemalt. Wohlan, so kann ein seelenvolles Deutschland für Geister und Herzen Europas ein heiliger Hain der Sammlung werden: der Einstellung auf das Ewige.

Diese Stimmung haben feinbesaitete, melodische Sänger und Seher wie Hölderlin und Novalis ersehnt.

»Genius unsres Volks,
Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands,
Daß ich tiefer mich beuge,
Daß die leiseste Saite selbst
Mir verstumme vor dir, daß ich beschämt und still,
Eine Blume der Nacht, himmlischer Tag, vor dir
Enden möge mit Freuden …
Wenn unsere Städte nun
Hell und offen und wach, reineren Feuers voll,
Und die Berge des deutschen
Landes Berge der Musen sind,
Wie die herrlichen einst: Pindos und Helikon« …