Wahrlich, wieviel gehässige Spannungen zwischen den einzelnen Menschen, welches planmäßige Verachten oder Totschweigen zwischen literarischen Gruppen: zwischen Parteien, Konfessionen, Rassen und Klassen! Wieviel geheime Tragik! Als Schriftsteller hat man, durch mannigfache Reisen oder durch vertrauensvolle Briefe, manche Möglichkeit des Einblicks in das stille Hinsiechen edler, brutal zertretener Seelen, während die feiste Roheit gedeiht. Wer sich da nicht einstellen kann auf das Ewige in den Dingen, wer nicht durch fortwährende Übung und Trainierung das Sonnige in sich zu erzeugen und wachzuhalten vermag: der wird in diesen Kleinmenschlichkeiten zerrieben. Kein »Wille zur Macht« erlöst uns von diesem Zeitgeist, sondern nur – wie ich einmal ausführte (»Parsifal und Zarathustra«) – der Wille zur schöpferischen Liebe. Es ist Herbst in Europa: wir frieren und hungern in dieser verfluchten Nützlichkeits-Weltanschauung. Wo strömt denn noch drängende Fülle des Herzens, wo belebt uns noch sprudelnde Melodie überreicher Menschen? Wo sind sie denn? Uns vertrocknete ja in dieser Verständelei der magnetische Strom, der Herzen mit Herzen verbindet, jenes Überschäumen genialster Art, wie es in mittelalterlichen Formen einst ein Franz von Assisi in den erkalteten Zeitgeist geworfen hat. Nicht neue Richtungen, wie diese schauerlichen Ismen Futurismus, Kubismus, nicht sinnliche Fratzen noch erotische Tänze, wir haben genug von dem wüsten Zeug! Eine tapfere neue Liebesmacht überweltlicher Art muß durch unsre Herzen brausen wie ein alles überschwemmender, alles ausfüllender und erfüllender Strom.

Vorerst haben wir jenen feilen Geist noch nicht aus seiner Hochburg, dem Theater und dem Kabarett, hinweggespült. Nach den empörten Stimmen ernster Kritiker wagt er sich auch an unsre Verwundeten heran, die dann mit schlecht verhehlter Enttäuschung solche aufgezwungenen Unterhaltungsabende verlassen. Alles Nationale haben jene Burschen als Epigonentum verhöhnt; jetzt machen sie es als Mode mit, von der Wucht der Stunde gezwungen, und verzerren es zugleich. Mehrfach ruft man jetzt sogar nach Wildenbruch, dem man das Leben verbittert hat!

Da erheben uns ganz anders Kriegserlebnisse, unmittelbar und ergreifend, fernab von den einst so wichtig genommenen Brünsteleien der Kunst. Aufs Geratewohl sei aus dem vielen herausgegriffen, was z. B. ein Nürnberger Stadtpfarrer in einem Flugblatt mitteilt:

»Im verdunkelten Zimmer liegt ein Schwerverwundeter auf dem Sterbelager. Die schöne, jugendkräftige, durchschossene Gestalt hingestreckt in Todesnot. Er betet mit mir in lauten Worten die alten Lieder aus dem Dreißigjährigen Kriege, die uralten Kernsprüche aus der Heiligen Schrift für die Not aller Zeiten. Sie haben an Kraft nicht eingebüßt. Wie ihm das alles gegenwärtig ist: ›Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir‹, bis hin zu dem Friedenswort: ›Wer so stirbt, der stirbt wohl‹, wie ihm das heilige Bild des Helden und Retters von Golgatha zum Schilde wird im letzten Kampf! Dann sagt er mir seinen letzten Willen. Ich schreibe die schlichten, stoßweisen Worte auf: ›Die Meinen sollen glauben ihr Leben lang, daß Gott uns nicht verläßt, darum sollen auch wir ihn nie verlassen. Von den Schrecken des Krieges und meinen Leiden soll vor ihnen geschwiegen werden.‹ Noch einmal ein Aufflackern der Kraft und dann ein Sinken in Gottes Arme, der unsere Zeit in seinen Händen hat.«

Und ein zweites:

»Gedenke daran, daß, wenn dein Mann fällt, du eines Helden Weib gewesen bist«, so las ich auf der Feldpostkarte eines Arbeiters an seine Frau. Er ist gefallen. Auch sein letzter Wille war: »Faßt unsern Tod groß auf!«

Groß! Da liegt es. Das europäische Dichten hatte wohl noch viel Sinnlichkeit und Verstand: aber keine wahre Herzensgröße. Leid und Heldentum kommen jetzt bis in die ärmste Hütte und bis in den reichsten Palast. Und jeder, der einmal an einem Sterbebett geliebter Wesen oder an ihrem Grab gesessen und gesonnen hat, fühlt das Gezänk des Geschmäcklerwesens in Wissenschaft und Literatur weit, weitab verkläffen: er sitzt an Mimirs Born und lauscht mitfühlend dem Leben selber.

Da irgendwohin will nun die Lebensentwicklung der Gegenwart eine Wende machen. Für diesen neuen Geist opfert sich unsre prachtvolle Jugend draußen in der Herbstnässe. Was ist denn jene seelische Not, aus der wir dort in Darmstadt zusammengekommen sind? Was suchten all die stillen Gralsucher in Deutschland – etwa die vielen neugermanischen Verbände und Logen, die Anhänger eines Müller-Mainberg, die Theosophen um Steiner, die christlichen Gruppen, die Vegetarier, die Reformer, und wie das alles heißen mag: – was ist da für eine geheime Unruhe im religiös-philosophischen deutschen Gemüt der Gegenwart? Pocht da irgend etwas im Bergwerk? Ist eine neue Zeitstimmung an der unterirdischen Arbeit?

Sie ist uns willkommen, wenn sie einen frommen und doch freien Menschentypus schafft wie Schiller oder Walther von der Vogelweide. Ging nicht auch die Witterung eines Nietzsche nach einem »Übermenschen« jenseits des jetzigen Menschenmaßes? Mag sein »Antichrist« kommen: wir erwarten aber noch sicherer und sieghafter die kommende Christus-Güte.