Der Krieg mußte kommen. Die elektrische Entladung der europäischen Luft war eine Lebensnotwendigkeit. Wir hatten keinen Sauerstoff, keinen Himmel mehr; wir drohten im sinnlichen Dunst und im Kleinmenschlichen zu ersticken.

Ein junger Grieche, der in Jena studierte, sprach einmal zu einem meiner Verwandten ein ernstes Wort. »Wissen Sie, weshalb trotz aller Fortschritte in Industrie und Technik so viel Unbefriedigung in der modernen Welt ist? Weil Deutschland nicht mehr vorangeht. Worin vorangeht? In dem, was man ehedem deutschen Idealismus genannt hat. Wir Ausländer kommen hieher und suchen das Geistesland eines Goethe, Schiller und Kant, eines Beethoven und Mozart – und machen die Entdeckung, daß ihr in dem rasenden Wettbewerb um zeitliche und sinnliche Dinge ebenso mitmacht wie alle andren.«

Wie alle andren – ja, aber in den Tiefen haben die Besten von uns unsäglich gelitten. Ernst Horneffer gibt einer verbreiteten Stimmung Ausdruck, wenn er in seinem Schriftchen »Der Krieg« (München, Reinhard) ausführt: »Das Volk der Denker und Dichter war gar nicht mehr wiedererkennbar. Die Seele mit ihren zarteren Regungen und innigeren Bedürfnissen kam zu kurz« – denn unsre Väter, das Reich ausbauend, waren notwendigerweise »ganz hingegeben den drängenden Arbeiten des äußeren Lebens in Wirtschaft und Staat. Aber wenn nun das Herrliche wirklich geschieht: nach dem großen Kriege der große Sieg – dann müssen wir nachholen, was der rauhe Pflichtdienst unsren Vätern versagte; ein Reich des Geistes, der Wahrheit und Schönheit, ein hehres, edles, inneres Reich müssen wir in das machtvoll herrschende äußere Reich einbauen«.

Man hört hier denselben Klang wie oben bei Kühnemann. Und so war eins der markantesten Bücher der letzten Jahre Rudolf Euckens »Sammlung der Geister«, das von derselben Sorge durchbebt ist.

Wir saßen einmal, wenige Monate vor dem Kriege, in Darmstadt beisammen, etwa fünfzig Herren mit einigen Damen, und berieten in Anknüpfung an Euckens zeitgemäßes Buch: wie können die Menschen, die irgendwie auf idealistische Weltanschauung gestimmt sind, mehr untereinander Fühlung und auf den Zeitgeist Einfluß gewinnen? Unversehens war man mitten im Gründen eines Vereins und einer Zeitschrift, wie das ja bei Deutschen nicht leicht anders möglich ist. Da erhob sich einer und sprach aus dem Unmittelbaren heraus: »Ich bin hiehergekommen aus einer seelischen Not; ich will vor allem mich selber aufrichten im Verkehr mit Gleichgestimmten; lassen wir also zunächst dieses Hinauswirken, denken wir an unsre gemeinsame innere Not!« Das Wort fand Widerhall. Die Erörterung verflüchtigte sich dann freilich; und es ist wohl selbstverständlich, daß kein bestgeleiteter Verein, keine Methoden, nichts, aber auch nichts – die Arbeit hätte verrichten können, wie sie nun der seelenaufrüttelnde Krieg vollbringt.

Die Stimmung war ungefähr so, wie sie der tempelhaft dunkle Lyriker Stefan George in zahlreichen Zeitgedichten geprägt hat, z. B. in folgendem (Der Stern des Bundes, Berlin 1914):

Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn:
»Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk.
Siech ist der Geist, tot ist die Tat!
Nur sie, die nach dem heiligen Bezirk
Geflüchtet sind auf goldenen Triremen,
Die meine Harfe spielen und im Tempel
Die Opfer tun – und die, den Weg noch suchend,
Brünstig die Arme in den Abend strecken:
Nur deren Schritten folg' ich noch mit Huld.
Und aller Rest ist Nacht und Nichts.«

Wir können nicht untersuchen, woran diese dumpf-sinnliche Verfilzung des Zeitgeistes lag; wir haben aber am eigenen Leib gespürt, wie weh sie auf uns gewirkt hat. Wenn Raabe oder Feuerbach, Grillparzer, Böcklin, Thoma und manche andre bis zum heftigen Naturell Nietzsches, der bekanntlich kurz vor seinem Wahnsinn überhaupt keinen Verleger mehr gefunden hat – wenn diese und ähnliche geistigen und künstlerischen Mächte spät oder bei Lebzeiten gar nicht zur Wirkung gelangt sind: lag es wirklich an einer boshaften Versippung der Mittelmäßigen? Herr im Himmel, was für fade Ästheten des Auslandes hat man bei uns verhimmelt! Ist es bezeichnend für das verflossene Jahrhundert, daß an seinem Anfang sich Kleist erschoß und an seinem Ausgang Nietzsche irrsinnig wurde? Hat der bittere Abseiter Bleibtreu recht, wenn er in einer Schweizer Zeitschrift ausruft: »Man hat das beklemmende Schauspiel, wie verzweifelt und ohnmächtig die öffentliche Meinung Deutschlands als Presse sich unter internationaler Verleumdungsmache windet, wie alles Wahrheitreden brutal unter die Füße gestampft wird und die vorgefaßte Meinung sich einfach nicht bekehren lassen will. Welche Tücke, welche Bosheit! schreit die deutsche Presse. Ja wohl, nie würdet ihr so das Ausland verleumden: wohl aber eure Landsleute im Inland, wenn sie euch unbequem sind!«