Es wird jetzt ein »Haßgesang gegen England« verbreitet (»Drosselnder (!) Haß von siebzig Millionen«), den ich als Zeitstimmung verstehe, in der Form aber ebenso bedaure wie manche andere verfrühte und verzerrte Reimerei der Gegenwart. Wir sollten zu stolz sein, Haß zu »schwören«; was nebenbei unsre Feldgrauen gar nicht nötig haben, denn sie sind auch ohne Racheschwur und derlei Firlefanz gewillt, die Engländer zu hauen. Das berühmte Römerwort vom Furor teutonicus heißt nicht teutonischer Haß, sondern teutonischer Zorn, mit dem Beigeschmack der Wucht und des Ungestüms – ein stolzer, heiliger, unwiderstehlicher Zorn, dem aber nachher wieder der heitere blaue Himmel ausgleichend folgt. Undeutsch sind die knirschenden Empfindungen des berüchtigten Rachepsalms (137): »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an den Steinen!« Dagegen gefällt mir ein Wort, das ich neulich in einer Tageszeitung fand (Paul Ernst): »Die Deutschen sind von den größeren Völkern das stolzeste. Sie haben den großen Stolz, den, der auf das Seelische geht und oberflächlichen Betrachtern leicht als Demut und Bescheidenheit erscheint. Das unverstandene Gefühl dieses Stolzes hat viele Gegnerschaft gefunden. Noch kürzlich schrieb Karl Peters, daß die Engländer uns verachten, wenn wir ihnen nicht mit gleicher Marke heimzahlen … Das wird nicht hindern, daß deutsche Art die Welt beherrschen wird und nicht englische Art.«

Ja, so ist es. Und mit edlem Stolz verbindet sich ohne Mühe edle Liebe. Stolz und Liebe ergänzen einander wie Mann und Weib, wie Starkes und Zartes, wie Würde und Anmut. Wenn ich über mein Lebenswerk ein Leitwort setzen möchte, so dürfte es wohl das Wortepaar Stolz und Liebe sein: stolze Liebe, liebender Stolz. So verdienen denn Eugen Kühnemanns schöne Worte »an die deutsche Jugend im Weltkriegsjahr 1914« (Leipzig, K. F. Koehler) wörtliche und warme Zustimmung: »Ihr werdet in der Feindschaft nicht die Liebe für die bessere Seele des Feindes vergessen. Der Sinn des Krieges liegt in dem Frieden, zu dem er führt. Tragt als Krieger den hohen Sinn des kommenden Friedens in euch, daß der Völkerhaß dennoch in einem neuen Reich der Liebe ende! Dies ist die tiefste deutsche Art: in allem, was Menschenantlitz trägt, und in jeder Volksart eine eigene Gestalt der Menschheit und in ihr eine Offenbarung Gottes zu lieben. Das Reich der verstehenden Menschenliebe ist das Reich des deutschen Geistes.«

Vor der Gefahr der Weichmütigkeit ist diese verstehende Menschenliebe bewahrt, sobald sie sich mit Stolz und Würde paart. Denn sie ist wie eine edle Jungfrau, die neben einem wuchtig gepanzerten Ritter leicht und sicher durch den Wald geht.

Wenn wir mit diesem Stolz den jetzigen englischen Geist ablehnen, so sind wir von gutem Instinkt beraten. Denn dort drüben hat seit vielen Jahrzehnten, von Propheten wie Ruskin oder Carlyle mit zorniger Sorge umsonst gebrandmarkt, eine Landverödung und Seelenverödung Hand in Hand mit rücksichtsloser Politik des Geldmachens gearbeitet, so daß endlich einmal die Katastrophe kommen mußte. Die Grundlage einer guten Volkswirtschaft war je und je das gesunde Verhältnis zwischen Handel und Landbau: zwischen dem Beweglichen und dem Steten im Volkskörper. Nimmt die heute allgemeine Gefahr der Landflucht und des Massenandrangs in Fabriken und Großstädten weiter zu; vermehrt sich in Deutschland der östliche Zudrang einer polnisch-galizischen Unterschicht, die nach und nach in unser Volkstum hineinwächst: so werden Mächte über Deutschland die Oberhand bekommen, die den deutschen Charakter zum Unguten verändern werden. Bis jetzt ist noch jene Anekdote bezeichnend, die neulich durch die Blätter ging: ein Engländer äußerte, falls dies und das geschehe, würde England kämpfen bis zum letzten Penny. »Und Deutschland bis zum letzten Blutstropfen«, versetzte der Deutsche schlagfertig. Dort Penny – hier Blut; dort Söldner – hier Volk; dort Geschäft – hier Erlebnis! Das ist der Unterschied zwischen englischer und deutscher Kriegsauffassung.

Der Deutsch-Engländer Houston Stewart Chamberlain, ein Geist von europäischer Spannweite, der sich äußerlich und innerlich in Wagners Welt eingebürgert hat, schrieb in diesen Tagen einige herbe Aufsätze über englische Art (Tägl. Rundschau, 252 ff.). Wir alle kennen und lieben an Shakespeares Dramen und Scotts Romanen das »merry old England«, das heitere Alt-England aus den Zeiten etwa der Königin Elisabeth. Aber mit zunehmender Schiffahrt (Sklaven- und Opiumhandel!) nebst Begleiterscheinungen seeräuberischer Art und einseitig zunehmender Industrie ist das fröhliche Alt-England zugrunde gegangen. »Heute ist die letzte Spur zertreten: man trifft in England keine Behäbigkeit, keinen breiten, gütigen Humor, keine Heiterkeit an; alles – soweit das öffentliche Leben in Betracht kommt – ist Hast, Geld, Lärm, Pomp, Protzentum, Vulgarität, Arroganz, Mißmut, Neid. Man erinnert sich des schönen altenglischen Weihnachtsfestes mit dem Schmuck von fruchttragenden Stechpalmen und den Mispelzweigen, unter denen unschuldige Küsse gestohlen wurden; am wenigsten an diesem Tage war, selbst noch vor dreißig Jahren, in ganz England auch nur ein Mensch aus seinem Heim zu locken; heute sind die Säle aller Riesengasthäuser Londons schon wochenlang vorher ausvermietet; an tausend Tischen sitzt Familie an Familie, ißt und zecht und lärmt, bis dann um Mitternacht das gemeinsame Abbrüllen trivialer Gassenhauer im Stile des widerlichen ›for he's a jolly good fellow‹ anhebt, nach welcher Verbrüderungsfeier die Tische schnell abgeräumt werden und nun alle diese Jünglinge und Mädchen, die sich vorher nicht kannten, sich dem Genusse von Negertänzen hingeben, während die Gesetzteren in Nebenräumen Karten spielen: so wird heute die Geburt unseres Heilandes Jesus Christus in England gefeiert!«

Wir andren, die wir uns nur wenige Wochen oder Monate in England und Schottland aufgehalten haben, können hier natürlich nicht mitreden. Aber ergänzend und verallgemeinernd darf man doch hinzufügen: die hier geschilderte seelische Verrohung – der bis in den höchsten Adel hinauf ein rücksichtsloses Geldmachen entspricht – ist vielleicht nicht nur eine englische Zeiterscheinung. Sie scheint uns der Stimmung der jetzt ablaufenden Erdepoche überhaupt zu entsprechen. Gerade dieser Zeitgeist soll künftig durch ein erneuertes Deutschland – durch die werdende deutsche Reichsseele – überwunden werden: auch in uns selber. Und so haben die obigen Feststellungen auch für unser Deutschland den hohen Wert der anschaulichen Warnung.

Unser stolzer Denker Fichte, der einst in schwerer Zeit seine mutigen Reden an die deutsche Nation gewagt hat, wird jetzt wieder zeitgemäß. Er ist ein Beweis, wie gut sich Stolz und Liebe in Tat und Denken paaren. In seinen Vorlesungen »Anweisung zum seligen Leben« betont er: »Der Mittelpunkt des Lebens ist allemal die Liebe. Was du liebst, das lebest du.« Das Herz baut von innen heraus; und so wird die Reichsseele von innen heraus Zelle an Zelle setzen vermöge der gestaltenden Kraft der Liebe.

Aber Liebe wozu?

Da erhebt sich nun die ganze Würde unserer deutschen Sendung. Unsre großen Denker und Dichter haben uns die heute – im Zeitalter einseitiger Sinnlichkeit – leider beschattete und getrübte Antwort längst in Klarheit erteilt. »Das wahrhaftige Leben liebet das Eine, Unveränderliche und Ewige« (Fichte). Es ist eine stolze Antwort; und sie muß immer wieder lauten:

Liebe zum Ewigen in den Dingen.