Ist nicht eine geradezu Rembrandtsche Beleuchtung in diesen einfachen alten Worten? Wie haben wir zu Weihnachten immer gesägt, gemalt, gepappt, vergoldet und versilbert! Wir bauten manchmal aus Moos, Feldsteinen, hölzernen Schafen, Hirten und dergleichen das halbe Zimmer in eine Weihnachtslandschaft um. Wie einsam wird diese Weihnacht werden!
Doch ich bin müde. Heute war ich in einer Sitzung des städtischen Arbeitsnachweises; mehrere tausend Frauen wurden hier aus der Rüstungsindustrie entlassen; welche wirtschaftliche Umwälzung! Und auf allen Gassen schreit man nach größerem Lohn. Aber wenige rufen nach ewigen Dingen. Meine Mutter und ich fühlen uns oft wie Fremdlinge in dieser wild erregten Welt, wenn wir so miteinander durch die Straßen gehen.
Nächstens ist ein Bachkonzert. Das habe ich mit Dirk nie versäumt. Bach und Beethoven waren seine Lieblinge. Wir haben da so eine liebe alte Kirche, Weiß und Gold, wunderschöne heimatliche Schnitzereien; wenn ich da sitze, wo ich oft mit Dirk und Mutter saß, weiß ich: Hier ist Heimat. Da fühl' ich Dirk neben mir. Wenn wir manchmal zu lang irgendwo blieben und ich ins Träumen kam, vernahm ich plötzlich seine gute tiefe Stimme leis am Ohr, und er mahnte mich mit den Worten des alten Volksliedes: »Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehen wir nach Haus?«
Ach, daß ich diese Stimme nie mehr höre!
Seien Sie herzlich gegrüßt!
Hertha.
Dirks Mutter an Erwin.
Lieber Herr Ehrmann!
Wir wissen durch Dirk, ein wie treuer Freund Sie ihm gewesen sind. Wollen Sie seiner Mutter und Schwester eine Freude bereiten? Elsaß ist jetzt von den Franzosen besetzt. Sie werden also wohl vorläufig nicht nach Hause können. Wenn es Ihr Gesundheitszustand erlaubt und wenn Sie durch keine andren Absichten oder Pflichten verhindert sind, kommen Sie doch bitte zu uns beiden Vereinsamten und feiern Sie mit uns das stille Fest des Lichtes und der Liebe! Dann wollen wir von Dirk sprechen, dessen Geist gewiß bei uns sein und sich mit uns freuen wird in seinen verklärten Höhen.