Gedankenlos hatte sie auf Arnolds Pochen »entrez!« gerufen nach ihrer elsässischen Gewohnheit. Und als er ins Zimmer trat, bot sich ihm ein sonderbarer Anblick, der ihn wie ein schwermutvolles Gleichnis durchdrang.

Fanny stand im letzten goldbronzenen Winterlicht, das sich bereits mit dem Schimmer des Mondes mischte, am Fenster und hatte das Paket auszupacken begonnen, wobei sie gerade eine fast armslange, schneeweiße Gipsfigur betrachtend in die Höhe hob. Diese Figur war eine überaus schlanke Frauengestalt mit entzückenden Biegungen des hohen Leibes und nicht minder bewundernswertem Faltenfluß des Gewandes; der Stab in ihrer Rechten war zerbrochen, der gesenkte Kopf trug eine feine Binde über den Augen, und in der lang und matt herunterhängenden Linken war eine Schriftrolle. Die ganze Figur atmete Trauer.

»Was hast du denn da?«

»Das schickt dir Lisy«, erwiderte die Elsässerin.

Mit einem leisen Ausruf des Entzückens erkannte er jetzt die Gestalt.

»Wie lange schon habe ich mir diese beiden Figuren gewünscht! Die gute Lisy! Es ist wohl auch die zweite dabei?«

Fanny stand schon über das Paket gebeugt und entnahm der Holzwolle auch die zweite Statuette.

Diese Gestalt trug eine Krone auf dem Haupt, einen unzerbrochenen Stab mit dem Kreuz in der Rechten, in der Linken aber einen Kelch; sie wirkte weniger schlank als die biegsam-anmutige andere, dafür aber priesterlich und königlich: ein breiter Mantel wallte von den Schultern. Freundlich und tröstend schaute diese Siegerin hinüber zu der Verblendeten und Besiegten.

Es war ein Gipsabdruck jener beiden bewundernswerten Standbilder, die am Seitenportal des Straßburger Münsters jeden Besucher entzücken. Die sieghafte Gestalt mit Kreuzesfahne und Gralskelch pflegt man als die christliche Kirche zu bezeichnen, die andre als die Synagoge. Aber für Arnold erhob sich aus den weißleuchtenden Figuren, die fortan seinen Schreibtisch zieren sollten, eine andre Symbolik.

»Das zerbrochene, blinde, schmerzvolle Elsaß!« rief er aus und hob die Trauergestalt mit beiden Händen ins Licht empor. »Nein, mehr noch: die ganze unerlöste Seele der Menschheit überhaupt, die sich noch nicht durchgerungen hat zur Liebe! Sieh, Fanny, und hier das Kreuz der opfermütigen Liebe und der Gralskelch der Weisheit, aus dem der Gottsucher Mut des reinen Lebens trinkt! O wie sinnig von Lisy, wie schön, wie schön, mir dies als letzten Gruß aus dem Elsaß nachzusenden! Die treue Seele!«