Ingo war es auch, der neben Frau Cäcilie und dem gastlichen Hausherrn allvermittelnd und feinfühlig die Verbindung zwischen den einzelnen Gästen herstellte. So schleppte er seinen zugeknöpften, an Vertrutzung leidenden Trotzendorff zu Fanny am Arm heran, damit er — wie er scherzend bemerkte — Zeuge werde einer regelrechten Liebeserklärung.
»Verargen Sie mir's nicht, mein gnädiges Fräulein,« sprach er, »ich gestehe hiermit eine alte Schwäche für Elsässerinnen. Einmal bin ich einer Landsmännin von Ihnen bis nach Barcelona in Spanien nachgereist. Und eine meiner Urahnen stammt aus dem oberen Elsaß. Obschon ich sehr, sehr glücklich verheiratet bin, ich kann's nun einmal nicht lassen, mich an jungen Mädchen zu freuen — nebenbei mit gütiger Erlaubnis meiner ganz von Eifersucht freien Herrin —, so recht zu freuen, wie man sich an schönen Bildern und guter Musik ergötzt. Zu meinen Lieblingsdichtern gehört Herr Walther von der Vogelweide; und ich selber singe gern zur Laute. Gnädiges Fräulein, was will ich mit alledem sagen? Es ist die verblümte Form für eine Einladung nach Haus Stein-Waldeck in Thüringen. Sie wären die erste nicht — wie meine Ahne Octavie beweist —, die den Weg vom Elsaß nach Thüringen zu rechter Zufriedenheit zurücklegen würde.«
Es war nichts Besonderes, was er sagte; doch spürte man sein Bemühen, der Vereinsamten einige ritterliche, herzlich gemeinte Artigkeiten zu verabreichen.
Allein Frau Lobsann kam dazu und wehrte sich scherzend: »So, so, Sie wollen uns Fanny weglocken? Da wird nichts draus! Wir stehen der Romantik näher als dem Klassizismus, Goethe ausgenommen. Und die Romantik gehört in das blühende Heidelberg, nicht in das dürftige Thüringen.«
Jetzt raffte sich sogar der Preuße Trotzendorff auf, überwand seine wuchtende Sorge und Bitternis und mischte sich in den Wettkampf der Worte und der Herzen.
»Erlauben Sie mir zu sagen, daß Elsaß immer noch Reichsland ist, demnach mehr zu Berlin-Potsdam als zu Heidelberg und Thüringen gehört. Ich spreche also auch meinerseits eine Einladung aus. Deutschland hat zwei Seelen: die eine heißt Weimar, gnädiges Fräulein, da kann Ihnen mein Freund Stein Führer sein, gehen Sie aber weiter nach Potsdam und Sanssouci — da werden meine Frau und ich Ihnen gern unsre bescheidene Gastlichkeit bieten.«
Arnold saß schweigend daneben. Er rauchte seine Zigarre und dachte manches; aber er sprach es nicht aus; denn das lag hinter ihm. Er dachte: Sieh an, wie man sich da um die elsässische Seele bemüht! O ihr lieben Deutschen, hättet ihr doch das ein wenig früher getan!
Lobsann hatte einige befreundete Professoren eingeladen. Er wollte sachte anpochen und lauschen, ob sein elsässischer Freund sich wieder in den Lehrkörper der Universität einfügen ließe. Doch Arnold winkte ab.
Es gibt vornehme, schicksalbelastete Menschen, zu deren Lebensleid eine feine seelische Einsamkeit gehört; sie sind einmal in entscheidender Stunde zu kurz gekommen, weil der ihnen nötige Vorrat von liebendem Verständnis ausgeblieben; da hat sich etwas in ihnen zugeschlossen. Sie bleiben auf Erden heimatlos; und sie sprechen wenig über ihre himmlische Heimat, weil sie auch über dieses Heiligste nur wieder Mißverständnis und Gleichgültigkeit befürchten müssen.
Arnold war in diesen Zustand eingetreten.