Die seelisch verarmte und viel umhergetriebene moderne Menschheit sucht lange schon nach einer edlen Lebensgemeinschaft. Aber es blieb vor dem Kriege meist bei pflichtmäßigen Abfütterungen oder bei dem üblichen Vereinswesen. Dazwischen sammelten sich da und dort stille Inseln, heilige Haine, wo sich beseelte Menschen in festlichen Zwiesprachen miteinander austauschten.
Erst der Weltkrieg führte die Herzen näher zusammen.
Man hatte auch im Hause Lobsann jene schöne Form der Geselligkeit gewählt, wo nicht mehr Mahlzeit und Rangordnung, sondern die zwanglose Aussprache die Hauptsache war. Es wurde Wein nebst Zigarren für die Herren, Tee und Gebäck für die Frauen herumgereicht; und es fehlte nicht an ehrlich bewunderten belegten Brötchen. Aber zumeist erfreute das herzlich belebte, geistig hochgestimmte, künstlerisch verschönte Gespräch.
Ein dem Hause befreundeter Dichter trug nach ungezwungenen Einleitungsworten etliche Verse vor. Dann sang Frau Lobsann deren Vertonung, wobei der Musikdirektor begleitete. Leicht knüpfte sich eine Unterhaltung darüber an, inwiefern der Tonkünstler dem Dichter gerecht worden war oder aus Eigenem Stimmungen hineingetragen hatte. Weitere Lieder folgten, Präludien von Bach, Tonstücke von Liszt, Schubert und Schumann flochten sich ein. Sowohl Fanny als auch Ingo und Arnold hielten heute ihr laienhaftes Temperament zurück und spielten nicht; der Gatte der Künstlerin und der Musikdirektor, ein ausgezeichneter Lisztkenner, widmeten sich dem Klavier.
Fanny war in so großem und neuem Kreise zunächst scheu. Als sie mit ihrem väterlichen Freunde eintrat, knüpfte das Gespräch naturgemäß an die eigenartigen Statuetten an. Da erst entdeckte Arnold auf dem Rücken der beiden Bilder eingegrabene Worte. Auf der Siegergestalt las er den Satz: »Mit Jesusblut überwind' ich dich«; und zwischen den schmalen Schultern der abgewandten Trauernden fand er die Worte: »Dasselbig Blut erblendet mich«.
Das gab ihm Anlaß, mit unerwartet ausbrechendem Feuer über die Aufgabe der deutschen Zukunft zu sprechen.
»Unsere elsässische Freundin, die dort zurückbleibt, schickt uns da eine großartige Mahnung aus dem Eliland, aus dem nunmehrigen Fremd- und Elend-Land. Wir sollen durch verstärkte Liebe, durch opferfreudige Liebe — denn das ist Jesu Blut — dem bisherigen Zeitgeist den Speer zerbrechen, die Augen erblenden und die anklagende Schriftrolle aus der Hand ringen. Der Theosoph würde sagen: wir sollen Luzifer und Ahriman in Christus umwandeln oder Bosheit in Güte. Der Apostel hat es ausgedrückt: Überwindet Böses mit Gutem! Sehen Sie, da hab' ich meine ganze künftige Lebensaufgabe in sichtbaren Zeichen vor mir auf meinem Schreibtisch stehen! Haß wird nicht durch Haß überwunden, nur durch schaffende Liebe!«
Ingo von Stein, der sich nach den Zerrüttungen des Weltkriegs auf verinnerlichte symbolische Lebensbetrachtung freute, ging mit Verständnis auf diese Gedanken ein. Er fühlte sich von den durchgeistigten Zügen des hochgewachsenen Pfarrers und Professors immer wieder angezogen und erzählte ihm von seinen eigenen, durch den Krieg unterbrochenen Arbeits- und Bauplänen.
»Lobsann besitzt hier ein eigenartiges Haus, nicht wahr?« sprach der Spielmann. »Dieser Monumentalbau hat ja da unten geradezu Katakomben. Ich könnte mir ausmalen, daß man hier Grotten und einen Geheimtempel in den Berg hineinbauen und eine auserwählte Geisterschaft zu einem Geheimbund versammeln könnte, etwa wie in Goethes Wanderjahren.«
»Einen Orden der Entsagenden?« bemerkte Arnold lächelnd. »Sehr fein, wenn sie Irdischem entsagen und Höheres gewinnen, also zugleich Schaffende sind.«