»Nützt nichts«, murmelte Gustav. »Das liegt zu tief in mir. Ich hab' schon immer an unüberwindlicher Einsamkeit gelitten. Es ist zu wenig Liebe in der Welt. In München hab' ich manchmal minderwertige Frauenzimmer auf der Straße angesprochen und hab' ihnen Geld geschenkt, nur um ein warmes Wort zu hören, nicht aus Gemeinheit, sicherlich nicht. Wir modernen Menschen sind ja alle herzquälend einsam! Ich möchte manchmal ein Kind streicheln, mich mit Kindern — weißt du, so wie's Ludwig Richter malt — im Grase wälzen, Purzelbaum schlagen, lieb haben — und weiter nichts! Weiter gar nichts!«
»Sapristi noch emol!« schalt der andre. »So tu's doch! Zerbrich doch den Bann der Spießbürgerei! Mach' dumme Streiche, spring' über die Schnur! Mensch, sei genial wie deine Braut!«
Und Erwin erging sich voll Feuer in dem Gedanken, wie heilsam und befreiend ein kühner Entschluß sei, auch wenn er alle Philister verblüffe.
»Hab' doch fröhliches Gottvertrauen, alter Grämling! Lebt denn der alte Gott nicht mehr? Haben ihn die Engländer abgesetzt? Hat ihn eine Parlamentsmehrheit niedergestimmt? Oder hat der Heuchler Wilson und seine niederträchtige Presse — — Du, den Wilson hass' ich am allermeisten! Der wird uns Deutsche noch alle niederboxen! Verhungert, wie wir sind!«
Erwin lief hinaus, holte einen neuen Apfel und biß kräftig drein.
»Siehst du, Gustav, ich bin als Kriegsfreiwilliger eingetreten, hab' erst an den Vogesen geschanzt, bin dann auf dem Petersberg zu Erfurt gedrillt und bei sonst guten Vorgesetzten zuletzt von einem Hauptmann elendiglich schikaniert worden, weisch, von so 'me Hähä-Kerl mit dem Monokel im Auge, kuranzt und kujoniert, sag' ich dir! Elsässer und Lehrer hat er nicht leiden können — na, hol' ihn der Erzengel Gabriel in den siebenten Himmel, ich gönn's ihm von Herzen, dem ausrangierten Knochen! Dann nach Flandern, gleich in die Schlacht — und die Hälfte der Kompagnie weggeblasen! Wir andern aber in den Schützengräben bis an den Bauch im Wasser! Herrschaft, Güschtel, das schlaucht! Und dann mörderisches Trommelfeuer! Sakerlot, und hab's halt doch durchgebissen, Gustav! Getanzt haben wir wie die Indianer, wenn wir wieder in Ruhestellung waren, und haben Läuse gefangen und Heimatlieder gesungen. Dazu ist man halt jung und Soldat!«
Er lachte unwiderstehlich und warf den Apfelrest durchs Fenster.
»Ja, wenn ich deine Spannkraft hätte!« meinte Gustav, hörte aber doch schon beträchtlich aufgeräumter zu.
»Du hast sie, Gustav! Sie ist nur verschüttet, wie ein Unterstand, in den sich eine blödsinnige Granate verirrt hat. Grab deine Energie wieder heraus! Und dann aufs neu' ans Werk! Herrschaft, was ist im Elsaß aufzubauen! Grad im Elsaß, in der deutschen Westmark! Weißt was, Gustav? Wir müssen einen Bund gründen, wir Jung-Elsässer! Und ich hab' schon einen Namen dafür! Weißt, welchen? Elsaß leit' ich von Edelsassen ab: also Bund der Edelsassen!«
»Freilich, hier ist nach dem Kriege viel zu tun, einfach alles! Wenn's nicht schief geht an der Westfront! Hast du den Tagesbericht gelesen? Immer zurück!«