Endlich stieß Gustav schweren Atems hervor:
»Jetzt weißt du wohl auch, warum ich ein gebrochener Mensch bin.«
Erwin murmelte ingrimmig vor sich hin; es klang etwas wie »Cerclebrüder« daraus hervor. Die Welschlinge in Straßburg hatten sich vor einem Jahrzehnt und noch länger in einem »Cercle des étudiants« gesammelt; für die gleichgestimmten Frauen und Mädchen gab es einen »Cercle des annales politiques et littéraires«; da wurde nur französisch gesprochen. Planmäßig hatten Franzosen und Französlinge daran gearbeitet, Elsaß-Lothringen in westliche Kultur und Sprache einzutauchen und deutschem Wesen zu entfremden. Die elsässische Luft war vergiftet. Fannys Bruder Georg war in diese Kreise geraten. Seine Flucht war die Folge.
»Weißt du, wo ich ihn zuletzt gesehen habe?« begann endlich Erwin. »Beim Monôme! Als einmal die Cerclebrüder nachts das Kleberdenkmal im Gänsemarsch umschritten, du weißt ja, um sich durch diese stumme Kundgebung zum Franzosentum zu bekennen! Die Simpel! Die Kindsköpf, die! Die haben uns den Weltkrieg eingebrockt, die Revanchemännle, die nichtsnutzigen! Und das haben wir mitangesehen, geduldet in Deutschland! Und dann nennt man die deutsche Regierung noch tyrannisch! Herrschaft, würden die Franzosen einen Wetterlé geduldet haben? Aufgehängt hätten sie ihn, den Falschmünzer!«
Erwin, immer ins Allgemeine strebend, trachtete den Freund vom Persönlichen loszureißen. Dieser aber, obschon zu den flammenden Worten nickend, hing doch unentwegt einem düstren Gedanken nach. Und jetzt faßte er den Freund am Arm und sagte gedämpft, als ob er ein Geheimnis ausplauderte:
»Du, Erwin, und etwas von dem Geist steckt auch in Fanny!«
»Unsinn!« rief der andre. »Sie hat dich lieb!«
»Hat mich lieb, aber hängt auch an ihrem Bruder! Weißt du, dieser Faquin mit dem gewichsten Schnurrbärtchen — Monsieur Bielère — dieser Schwadronneur und Schwerenöter hat alle Cercle-Weiber berauscht! So recht der französisch parlierende Arzt für französisch parlierende alte Jungfern! O nein, da mach' ich nicht mit! Da bin ich viel zu steif, zu still, zu innerlich dazu, um's mit so einem aufzunehmen, denn im Parlieren ist er mir über, mein Französisch ist erbärmlich. Und in sinnlich-eleganten Salonmanieren ist er mir erst recht über. Und das fühlt Fanny! Ich spür's ganz gut, daß sie mich manchmal im stillen mit ihrem flotten Bruder vergleicht« — —
»Unsinn, Gustav! Phrasen dreschen kann jeder Commis-Voyageur oder Zwischenhändler! Bohr' dich nicht in solchen Verfolgungswahn hinein! Die Sache ist traurig genug — aber sie will halt überwunden werden, wie andres Kriegsleid auch! Himmel, wie viele von unsren Kameraden liegen schon im Boden!«
Und Erwin packte den Freund unter den Arm.