»Komm mit, Alter! Jetzt gehn wir 'runter und trinken e Fläschel Ottrotter, oder was ihr sonst Gutes im Keller habt! Hopp, hopp! Und Fanny — siehst du, Gustav, sie ist eine fröhliche Aufgabe, kein Anlaß zur Trauer! Nimm an, Fanny sei das verkörperte Elsaß! Erobere diese hübsche Verkörperung so recht von innen heraus — sei gewinnend, liebenswürdig, bestrickend, unwiderstehlich, kurzum: genial! Herrschaft, wenn ich an deinem Platz wär'!«
Er lachte in seiner gutartig hellen, bezwingenden Art, schritt aufgeräumt mit ihm hinunter und verbarg seine Sorgen um die wankende deutsche Westfront.
Fanny kam herübergelaufen. Auch Schwester Lisy, die den Haushalt führte, in ihrer lächelnden, rosigen Ruhe und Rundlichkeit, setzte sich dazu. Und so schufen sie eine gesellige Nachmittagsstunde, dampfend von Zukunftsplänen, wie sie das Elsaß nach dem Kriege entgiften und mit Frohsinn anstecken wollten. Der fünfzigjährige Philosoph, der tagsüber kräftig in seiner Gemeinde gearbeitet hatte, um dem Bürgermeister über all die Lebensmittelsorgen und tausenderlei Verfügungen ins klare zu verhelfen, ward wieder jung mit den Jungen und schüttelte den Trübsinn ab.
Fanny sprühte von Geniefeuer. Sie stand mit Erwin in einem reizenden Neckverhältnis; sie beflügelten sich gegenseitig und waren wie zwei Falter, die in blauer Luft miteinander spielend, immer höher steigen. Und während Gustav wieder still ward und in sich zusammensank, wurde dort das Funkenwerk fast schon Flamme.
»Er isch halt immer verliebt, der Erwin«, meinte einmal die gutmütig auflachende Lisy, die an dem heitren Jungen gleichfalls Freude hatte.
Aus ihm aber, der nach drei Tagen wieder mit der Übermacht der Franzosen und Engländer zu kämpfen hatte, sprach eine wehmutvolle Glut, ein Heimweh, ein Liebesverlangen. In seinen Worten war eine schwungvolle Poesie. Man hatte von Lenau gesprochen, Fannys Lieblingsdichter. Er nahm das Buch und schlug auf. Und da er ein ausgezeichneter Vorleser war, kamen die melodischen Klänge in der bewölkten Stube wundervoll zur Wirkung:
»Rings im Kreise lauscht die Menge
Bärtiger Madjaren froh;
Aus dem Kreise rauschen Klänge —
Was ergreifen die mich so?«