Sie schüttelte sich.
»Nein, ich darf nicht dran denken, nein, nein, nicht dran denken! Es würde mir die Kraft nehmen, es würde mich umbringen!«
Sie schloß die Augen. Ahnungen schüttelten ihren empfindlichen Körper, und ihre Seele schauderte vor Wüsteneien, die sie in der Ferne zu sehen glaubte.
Die ruhige Freundin küßte des erregten Mädchens glühende Wange und sagte liebkosend: »Liebs kleins Fannjele« — als ob sie zu einem hilflosen Kinde spräche. So saßen sie ein Weilchen aneinandergeschmiegt, bis sich Fannys heißes, volles Herz am gleichmäßig atmenden Busen der reiferen Vertrauten beruhigt hatte.
»Vergiß doch eins nicht,« schloß dann Lisy das Gespräch ab, in ihrer gedämpften, behutsamen Art immer wieder ablenkend, »nämlich, daß eigentlich Vetter Arnold am einsamsten ist von uns allen und am schwersten zu leiden hat. Bedenk' doch schon das Unglück mit seiner Frau! Und was für literarische Pläne hat er gehabt, wie viel ungedruckte Papiere verschimmeln in seiner Schublade, wieviel Hoffnungen hat er eingesargt! Mußt nicht nur an dich denken, kleine Fanny. Ihr alle wißt ja gar nicht, was für Feuer noch in dem scheinbar so abgeklärten Manne glüht, denn ihr kennt ihn nicht so wie ich ihn kenne. Und auch ich — ach, er schließt seine letzte Tür nicht auf! Er verheimlicht seine Tiefen; es hat niemand den Schlüssel zu seiner Seele. Auch mich braucht er nicht; und sobald ich Ersatz habe, gehe ich wieder nach Straßburg. Dich aber haben sie ja alle lieb, Fanny, auch Erwin, auch Onkel Arnold. Und du willst über Einsamkeit klagen?«
Fanny hatte schweigend den nicht bitteren, doch sehr wehmütigen Ton dieser Worte in sich aufgenommen. Jetzt sprang sie von Lisys Schoß herunter, packte der Freundin Kopf und schaute ihr mit jähem Verstehen in die ruhig ihren Blick aushaltenden braunen Augen. Es wurde kein Wort weiter zwischen ihnen gewechselt. Doch das junge Mädchen bedeckte das Gesicht der Überwinderin mit leidenschaftlichen Küssen.
Dann flog sie davon. Und Schwester Lisy griff mit einem leisen Seufzer wieder nach ihrer Arbeit.
Und sie dachte einem ebenso erhabenen wie einfachen Gedanken nach. Liebe verbindet, Haß trennt. In diesem Lande waren einst Männer der Liebe und der edlen Menschlichkeit wie Spener, Oberlin und Pfeffel geboren. Gediehen denn heute nur noch Menschen des Hasses? Und doch, wie sich auch der Verstand der Verständigen und der Wille der Titanen anstrengen mögen: nur die Liebe hat erlösende Kraft.
Drittes Kapitel
Elsaß und Thüringen
Nie werde ich Ihnen, edle, beste Octavie, mit