»Nun, daß dich ein Mann ganz besonders und vor allen andren Menschen dich ganz allein lieb hat und du ihn.«
Lisy schaute mit einem eigentümlichen Blick durchs Fenster in eine weite Ferne.
»Weißt, Fanny, das sind so junge Mädchenträume. Die macht man einmal durch in deinem Alter, aber man bleibt nicht dabei stehen. Man will anfangs freilich besitzen, nach und nach aber will man etwas anderes: nämlich helfen. Mir liegt das Helfenwollen im Blut; denn als Tochter eines Arztes bin ich schon in Kinderjahren an den Operationstisch gewöhnt worden. Siehst du, und so frag' ich halt immer zuerst, was andre leiden ... Entschuldige nur, ich muß von Zeit zu Zeit aus dem Fenster schauen: Vetter Arnold sitzt jetzt schon wieder stundenlang bei einer Kranken, hat das Essen versäumt und kommt, scheint's, nicht mehr nach Hause. So macht er's immer. Und wenn er heimkommt, geht's gleich wieder an den Schreibtisch bis Mitternacht. Und die vielen Lebensmittelsorgen, die Mißstimmung im Volke, die sittlichen Verwilderungen in der vaterlosen Jugend und alles das — es reibt ihn vor der Zeit auf. Denn er gehört in geistig vornehme Luft, nicht in so kleinliche Verhältnisse. Er gehört überhaupt nicht ins Elsaß. Denn hier ist alles vergiftet. Sieh dir doch nur einmal sein Gesicht an, wie sich da Wehmut eingegraben hat!«
Fanny stützte den Kopf in beide Hände und lauschte nachdenklich.
Lisy schaute immerzu durchs Fenster. Wolkenschatten zogen über ihr mildfreundliches Gesicht, als sie nun wie zu sich selber mit ihrer angenehm leisen Stimme plauderte:
»Ich kenne ihn seit meinem zehnten Jahre. Er ist ja älter als ich. Ein merkwürdiger Sonderling schon als Knabe! Durch meinen Stiefvater sind wir Verwandte geworden und haben uns eigentlich immer gut leiden können. Heute schaut man auf die Gefühle jener Zeit zurück wie auf — nun, wie soll ich sagen — wie auf welke Albumblätter und vergilbte Briefe. Ach, und es hat doch damals recht weh getan, bis es überwunden war!«
Sie wandte ihr Gesicht plötzlich wieder dem immer noch vor ihr knienden Mädchen zu.
»Geliebt, Fanny? Ob ich geliebt habe? Ich habe immer geliebt. Erst war's ein einzelner Mann, später wurden es sehr viele Männer und Frauen. Ja, Kind, ich hab' mich auch einst manche Nacht in den Schlaf geweint und habe Gott angefleht, er möge mir eines bestimmten Mannes Liebe schenken. Aber Gott hat etwas Besseres vorgehabt; er hat's später erhört, nur ganz anders. Er hat mir Liebe über Liebe gegeben; Tränen der Dankbarkeit, ja Küsse dankbarer Liebe auf diese zwei Hände sind mir geschenkt worden. Fanny, und das ist so heilig-schön, daß es jenes andre wahrscheinlich übertrifft. Mein Liebesvermögen ist nicht ärmer geworden, sondern reicher. Sollen wir Frauen denn immer erst Weibchen sein und dann erst Menschen?«
Fannys blaue Augen waren größer als je. Sie erhob sich, setzte sich auf Lisys Schoß, legte den Arm um den Hals der Freundin und den Kopf an ihre Schulter. Und mit einem Seufzer und bebender Stimme sagte sie leise:
»Du bist besser als ich, Lisy, und bist größer. Wenn ich deinen einsamen Weg gehen müßte — es wäre mir grauenhaft!«