»Ja, ja,« sagte Lisy bekümmert, »dein Bruder hätt's halt doch nicht tun sollen.«

»Gel, ja, alles Unglück kommt nur von da her, nur von da!« stimmte Fanny leidenschaftlich bei. »Denn seit jener Zeit — ich fühl's genau — traut mir auch Gustav nicht mehr ganz. Es ist etwas zwischen uns zweien. Und, Lisy, ich will dir's nur gestehen« —

Das ehrliche Kind zögerte einen Augenblick und flüsterte dann, wie im Beichtstuhl, der Freundin ins Ohr:

»Gustav hat recht! Ein Teil meiner Phantasie ist nicht immer bei ihm, ist oft bei meinem Bruder in Frankreich. Lisy, ich sag's nur dir, dir ganz allein! Ich male mir's oft aus, wie sie's dort wohl schwer haben, da doch so ein großer Teil von Frankreich verwüstet ist, wie sie aber doch so tapfer weiterkämpfen. Und daß sie doch eigentlich feinere Manieren haben als die Deutschen — weißt du, ich mal' mir's halt nur so aus. Und daß Georges nun für immer drüben bleiben muß und ich hier ...«

Sie brach zögernd ab, mit dem fragenden Blick eines Kindes, und schaute fast ängstlich in Lisys Gesicht, ob sie denn nun nicht ganz und gar verurteilt werde.

Das rosige, volle Gesicht der milden Freundin wurde ungewöhnlich ernst.

»Liebes Kind,« sprach sie, »bist du drüben gewesen? Nein. Aber ich. Du malst dir aus, was sich viele Elsässer ausmalen. Ich kenne die Franzosen, hab' liebe Freunde unter ihnen, kenne aber auch ihre Fehler. Stell' dir ja nicht vor, daß hinter den Bergen, wo das Abendrot den Himmel so schön goldig färbt, alles eitel Licht und Farbe sei! Das ist falsche Romantik. Sieh dir dort einmal das Bild meines Bruders an, des Lehrers, den sie als Geisel verschleppt und schauerlich mißhandelt haben! Ein so stiller, braver Mensch! Freilich könnten die Deutschen von den Franzosen auch lernen, vor allem, daß man auf seine Nation stolz sein muß. Denn das sind sie drüben; sie haben darin mehr Charakter als wir hierzulande. Aber wir haben Ordnung, Ernst und Tiefe. Und im Grund auch viel mehr Liebe, Fanny. Es ist nur jetzt überall so viel Haß und Kälte in der Welt, daß wir alle frieren. Nein, nein, mal' dir über die Franzosen nichts Romantisches aus! Die Religion hat dort einen schweren Stand. Ich wünsch' ihnen und uns den Frieden — aber französisch werden? Gott möge das Elsaß vor dem Unglück bewahren!«

»Lisy,« sagte Fanny, in ihrer sprunghaften Art plötzlich von einem anderen Gedanken durchzuckt und die Tränen aus den Augen wischend, »hast du denn eigentlich nie geliebt? Ich habe nie eine so selbstlose Person gesehen wie dich.«

Schwester Lisy lächelte ihr unsagbar gütiges Vollmondlächeln, nahm das schmale Gesichtchen der Kleinen in beide Hände und fragte mütterlich:

»Kind, was verstehst du denn eigentlich unter Liebe? Sag' mir doch einmal das zuerst!«