Und er machte seiner Leber Luft. Er passe nicht mehr in die Zeit und er vertrage den Keller nicht mehr. Man solle ihm seine Ruh' lassen. Wenn doch nur die Tochter unter der Haube und die Tante Sophie in Pfalzburg bei der Schwester oder am Nordpol bei den Eskimos säße! Er selber aber freue sich auf den Moment, wo er mit seinem einzig wahren Ami, seinem Jugendfreund Sorgius, im Spital oder im Diakonissenhause in der Sonne sitze oder in der Taverne sein Schöppele trinke. Mehr wolle er nicht.


»Lisy, verstehst du, daß man sich einmal ausweinen muß?« rief die stürmische Fanny, indem sie in Schwester Lisys stilles Stübchen trat, sich vor sie hinwarf und fassungslos zu schluchzen begann. »O Lisy, ich kann und kann und kann's nicht mehr aushalten!«

»Um Gottes willen!« rief die erschrockene Lisy, legte die Stickerei beiseite und streichelte das blonde Köpfchen in ihrem Schoße. »Was isch denn g'schehn, Kind?«

»Ich hab' Georges lieb und hab' Gustav lieb und hab' Erwin lieb — und Onkel Arnold und alle hab' ich lieb! Ich sterbe an zu viel Liebe! Und mich hat keiner lieb!«

Das holde Kind in seinem hellgrauen Gewand lag weinend vor den Knien der immer dunkel gekleideten Freundin, deren Schattenriß sich breit vom Fenster abhob.

Schwester Lisys reife Ruhe wirkte auf diese heißherzige Natur immer sehr wohltuend. Über zwanzig Jahre älter als Fanny, ziemlich zur Fülle neigend, war sie in Reden und Bewegungen von angeborener, durch den Umgang mit Leidenden verstärkter Bedachtsamkeit. Ein Dutzend Jahre war sie Krankenpflegerin gewesen und hatte sich hernach der Massage gewidmet. Sie besaß dazu eine geheimnisvolle Begabung. Genesungskraft entströmte ihren weich-warmen Händen. Sie betrachtete diese Tätigkeit als eine Art Gottesdienst; ein stilles, von keinem gemerktes Gebet für die Kranke pflegte ihre Arbeit zu begleiten. Von sich selbst machte sie nicht viel Wesens; allen Dank der Genesenen brachte sie ihrem himmlischen Vater dar, mit dem sie sich in inniger Einfalt verbündet wußte. Ungern hatte sie sich kurz nach Kriegsbeginn, nach einer schweren Typhuserkrankung, bereden lassen, Vetter Arnold den Haushalt zu führen. Sie war dann, immer als »Schwester Lisy« in Lützelbronn geblieben, sehnte sich aber nach ihren Straßburger Lazaretten und Kranken, nach ihrem eigentlichen Berufsfeld.

»Was haben sie dir denn wieder einmal angetan, Kind?« Sie pflegte die Kleine meist »Kind« zu nennen in ihrer mütterlichen Freundschaft. »Ist die Tante ungattig? Setzt der Papa 's Käppel zu viel aufs link' Ohr? Wo fehlt's denn?«

»Lisy,« rief Fanny jäh, warf die Arme empor und riß der Freundin Kopf zu sich herab, »hast du denn gar keine Augen, siehst du denn nicht, daß wir alle umeinander herumgehen? Siehst du denn nicht, daß wir alle so schrecklich einsam sind?!«

Und sie erzählte in hastigen Worten den bösen Zusammenstoß zwischen den Brüdern; und Papa habe so »gekrischen«, wie sie ihn noch nie schreien gehört habe; und der Onkel sei ganz kreideweiß gewesen; und die Tante sei unausstehlich giftig, humple in der Küche herum und mache ihr und Salome das Leben schwer.