»Allons donc! Allons donc!« sagte Herr Bieler, legte die Hände auf den Rücken und war bestürzt. So hatte er den Jean noch nie gesehen. Mit dem war's verschüttet. Er ging hin und her, legte sich einige versöhnliche Wendungen zurecht und lauschte nach der Tür. Aber der andre gab ihm keine Gelegenheit, seine einlenkenden Redensarten anzubringen. Papa Bieler war in den Keller gegangen und klopfte mit Schauli wahrhaft erbost an den Fässern herum.
Was tun? Sollte man zur »Tante Sophie« hinaufgehen, die im Giebelstübchen hauste, halb gelähmt an den Beinen, ganz und gar nicht an der Zunge? Nun ja, einen »Bonjour« mußte man ihr sagen, kurz und höflich. Tante Sophie war die Schwester der beiden Bieler, sehr auf den braven Winzer gestimmt, wenig aber auf den »Hochmutszipfel«, wie sie den Straßburger zu nennen pflegte.
Dieser stand verdrießlich am Fenster. Es lag ein wohltuend warmer und reiner Himmel über Haus und Garten, über Dorf und Weinberg nebst dunklem Bergwald. Und in der Luft war dieses verheißungsvolle unterirdische Pochen in manchen Kellern, und fernher irgendein Knabenruf oder schnatternde Enten am Dorfteich. Alle Laute, auch das Hähnekrähen, waren klar und nahe. Nur gedämpft, fast träge, klang heute der altgewohnte Kanonendonner durch die Stille ...
»Die Welt wär' schön,« dachte plötzlich Herr Bieler, »wenn's keine Politik gäb'.«
Er schenkte sich unbehaglich sein Weinglas voll. Das Gold funkelte in der Sonne. Er hob das Glas gegen das Licht. Mit wem nun anstoßen? Und auf was? Auf Frankreich? Man war schließlich doch kein Franzose; und Elsässer zu Tausenden bluteten jetzt gegen den welschen Nachbarn. Sollte man ihnen Niederlage und Untergang wünschen? »Ma foi, non, sell geht net.« Auf Deutschland? Na, das hatte auch so seine Mucken. Aufs Elsaß? Ja, aber man war ja nicht einmal im Ländel einig!
Ohne zu trinken setzte der sonst so sichere Herr Bieler das Glas wieder ab. Ihn durchschauerte zum erstenmal das äußerst ungewohnte Gefühl der Vereinsamung. Fannys stummes Kommen und Gehen mitten in dem politischen Gezänk ward ihm auf einmal, in der blauen Stille dieses wehmutschönen Herbsttages, schmerzlich bewußt. Das Ehrenmitglied des Straßburger Cercle ahnte da ein Frauenleid, an dem bisher seine politische Verbohrtheit blind und stumpf vorübergegangen war.
Langsam trank er endlich den ausgezeichneten Rappoltsweiler Riesling allein aus. Dann nahm er Hut, Mantel und Schirm, wechselte in der Küche einige Worte mit Fanny und Salome, sagte im Giebelstübchen der unwirschen Tante Sophie »Bonjour« und zog seines Weges, ohne den beleidigten Bruder noch einmal gesehen zu haben.
Als der Straßburger verschwunden war, tauchte erst der alte Schauli zwischen den Oleanderbüschen des Eingangs aus dem Keller auf und streckte den Kopf empor wie ein Dachs aus dem Bau. Er witterte, schnoberte nach allen Seiten in die Luft und winkte dann seinem Patron und Arbeitgeber. Nun erst hinkte, stöhnte und schimpfte der Weinsticher selber in Hof und Stube hinauf und begab sich nachher bald zu Bett. Sein rheumatisches Leiden hatte ihn wieder gepackt.
»Mais dis-donc, papa!« rief die besorgt herbeieilende Fanny, »warum bisch denn in de Keller gange?«
»Tais-toi!« rief der verärgerte Alte zurück. »Schilt dü nit au noch! Do dran isch der Stroßburjer Giftnickel schuld.«