Die Brüder sahen sich selten, zumal während des Krieges. Es war die erste gründliche Aussprache. Im alten Bieler wollte der Kummer und Verdruß ob des Sohnes Tat nicht zur Ruhe kommen. Aber der Straßburger billigte die Flucht; ja, er hatte sie angeregt.

»Ich bin früher bei der Regierung geachtet gewesen,« erwiderte Papa Bieler, »jetzt bin ich geächtet. Der Herr Kreisdirektor ist oft zu mir gekommen, der Herr Bezirkspräsident hat mich wie 'en alte ami behandelt. Jetzt gehen sie mir alle aus dem Wege. Aber der Gendarm streicht ums Haus herum; und wenn der Bezirkshauptmann kommt, so macht er ein paar Augen — na, du kannst dir's denken! Ich bin nichts mehr, ich gelt' nichts mehr. Und das hab' ich meinem Sohn zu verdanken.«

Fanny war während der Erörterungen eingetreten, hatte den Oheim kurz begrüßt und einen Teller voll Trauben auf den Tisch gestellt. Schweigend setzte sie sich auf einen Stuhl. Und als sie eine Weile zugehört hatte, ging sie ebenso stumm wieder hinaus.

»Und ihr zwei habt nicht an die dort gedacht, an Fanny,« fuhr Papa Bieler fort, »sonst hättet ihr's euch besser überlegt. Du weißt, daß sie mit dem Gustav da drüben verlobt ist. Und du weißt, daß sie im Pfarrhaus deutsch sind bis auf die Knochen!«

Das brachte den Herrn Bieler aus Straßburg plötzlich in Aufruhr. Eine Flutwelle von angestautem Zorn und Haß ergoß sich aus dem sonst so gehaltenen Städter:

»So ein Professor, der kein rechter Pfarrer, und so ein Pfarrer, der kein Professor ist! Der Halbschwob ist euer Unglück! Den hat die Regierung da hergesetzt, daß er aufpassen soll! Ein bezahlter Regierungsagent! Glaubst du denn, der tut sich nur so aus Mitleid um die Gemeinde kümmern? Der wird wissen, was er für sein Aufpassen bekommt! Und du bist so dumm und gibst dem Schwob deine Tochter! Die hätt' in Straßburg die brillantesten Partien machen können! Und da hängt sie jetzt an dem Schwowe-Trottel!«

Der Herr Bieler aus Straßburg verlor alle Fassung. Er wurde gehässig. Ihm waren allerlei Heiratsabsichten, die er mit seiner Nichte geplant hatte, zu Wasser geworden. Und auf einmal schrie er: »Der da drüben wird wissen, ma foi, woher das Geld stammt, mit dem er sein Gut instand hält, während er da den Pfarrer spielt! Aber wart' nur: d' Franzose komme wieder ins Land! No paß uff!«

Ein Weilchen ließ der Winzer seinen empörten Bruder toben. Dann aber packte ihn selber, den gutartigen Alten, jene Wut, die selten, aber um so furchtbarer aus dem biederen Alemannen herausbrach. Ein Faustschlag donnerte auf den Eichentisch.

»Halt's Mül, Charles! Jetzt haw ich, zum Dunderledder noch emol, din daub Gebabbel satt! Müeß denn glich jeder e bezahlter Spion sin, wenn er Achtung het vor Ditschland?! So e hirndumms, simpelhaftes, nixnutziges Cercle-Gebabbel! Dü hesch mine Büe uff'm Gewisse, dü, ja dü mit dine Hetzrede!«

Vater Bieler schrie es dem verdutzten Straßburger mit Zorn und Schmerz ins Gesicht, dann schritt er stracks hinaus und schmetterte die Tür dermaßen hinter sich zu, daß die farbigen Luxteller an der getäfelten Wand tanzten. Und der erschrockene Bruder stand allein.