»Nee, Mamsell Bieler, sunscht wüßt' ich jetzt im Aueblick juscht net viel Nejes«, meinte der alte Spaßvogel ernsthaft und humpelte in seinen Keller.
»Was isch des jetzt do gsin, Jean?« fragte drin der ältere der beiden Brüder, der Straßburger Kaufmann und Kirchenälteste Charles Bieler.
»Dr krumm Schauli, der alt' Narr!« brummte der Winzer Johann Bieler und schenkte ein. Aber die Brüder sprachen fortan elsässisch und dämpften ihre Stimmen. Und überdies schloß Charles das eine Fenster und Jean das andre. Dabei schnellten einige Weinranken zurück, die sich in den Fensterflügel klemmen wollten; und Papa Bieler, dessen Käppchen schief saß, machte eine ärgerliche Bewegung, als scheuchte er verspätete Wespen hinweg. Er war sichtlich verstimmt.
Sie hatten sich über den Preis des Weines, den Herr Bieler aus Straßburg zu kaufen gekommen war, noch nicht geeinigt. Sein Bruder setzte ihm erfolglos auseinander, welche Lasten jetzt den Winzer zu Boden drückten. Er war empört über Kriegswirtschaft und Zwischenhändler; der Weinbau mache ihm längst keine Freude mehr. Er werde sich zurückziehen.
Dann brachen sie ab; und der Straßburger fragte plötzlich nach Fannys entflohenem Bruder.
Der ältere Bieler war ein ansehnlicher Herr, mit wohlgeübten, bedächtigen Bewegungen, die einen kühlen Abstand gegen seine Angestellten bedeuten sollten. »Der Herr Bieler« — seine Waschfrau sprach das Wort mit ebensoviel Hochachtung, die Hände am Schürzenzipfel abtrocknend, wie der Lehrjunge, wenn er schnell ein paar gestohlene Rosinen hinunterschluckte und eine respektvolle Haltung annahm. Für Madame Bieler war er nur in vertrautem Kreise »d'r Charles«; vor allen andren war er auch in ihrem Munde »d'r Herr«; und der Lehrbub wußte, was sie meinte, wenn sie ihm zurief: »Voyons donc, Schosef, wart' nur, wenn d'r Herr heimkummt!«
»D'r Herr« — da lag Würde drin. Zumal wenn er den Kneifer auf die Nasenspitze setzte, obwohl nicht sehr kurzsichtig, und dann, über die Gläser hinüberschauend, mit seinen Leuten sprach: da spürte man den reichen Mann, die alte Familie. Diesen Kneifer hatte er an einer schwarzen Schnur immer erreichbar in der oberen Westentasche, spielte oft damit und gab seinen Worten Nachdruck, indem er mit der Rechten den flachen Kneifer auf und ab bewegte: »Voila! So isch d' affaire!«
Sein Bruder, Fannys Vater, war mehr ländlicher Art, gutmütig und natürlich, weniger kühl und weniger hoffärtig. Papa Bieler trug einen kurzen grauen Spitzbart, ein Sammetkäppchen auf dem fast kahlen Kopf und eine blaue Schürze, in deren oberem Teil ein großes buntes Taschentuch zu stecken pflegte. Er schnupfte ebenso leidenschaftlich wie sein Gehilfe Schauli und fuhr häufig, besonders in erregten Augenblicken, mit dem Taschentuch über die Nase. Wenn er recht ungeduldig oder ärgerlich war, wie heute, so rückte er das bestickte Käppchen fortwährend von einem Ohr zum andern und kratzte sich bald links, bald rechts. Und während sich der abgearbeitete Mann etwas gebückt hielt, stand der beleibte Straßburger aufrecht mit seinen langen Rockschößen und hatte gern die linke Hand hinter dem Rücken, während die Rechte mit dem Kneifer belehrte. Straßburg beherrschte das Feld; Lützelbronn kam nicht dagegen auf.
»Weisch, Jean,« stellte der Herr Bieler aus Straßburg fest, »dü bisch allewil e bissel e schwacher Charakter gsin. Awer was de Georges anbelangt — er het absolument recht!«
Und er verteidigte seines Neffen Fahnenflucht.