Auf den Höhen des Steintals, in einer großartigen Vogesenlandschaft, sitz' ich auf einem Brunnentrog und schreibe vom Elsaß nach Thüringen.

Es ist der Bezirk jenes Pfarrers Oberlin, der ebenso wie der Dichter Pfeffel mit unsrer Urahne Octavie befreundet war.

Du weißt, daß ich den Sonntag mit einem Choral auf dem Meisterharmonium zu eröffnen pflege; nun, heute spielt' ich den Choral »Ich bete an die Macht der Liebe« im Pfarrhause zu Waldersbach, wo einst Oberlin gewohnt hat. Links ragen die Trümmer des Schlosses derer von Stein-Rathsamhausen; um mich her, in erhabenem Weitblick, ist eine mattblaue, kühle Herbstluft. Ich höre keine Glocken, denn sie werden wohl auch hier in Kanonen umgegossen sein; doch die Glocken sind in mir ... Trauerglocken, Elisabeth!

Ja, ich bin sehr traurig gestimmt und will mir das Herz leicht plaudern. Flaumacher war dein Spielmann nie; doch Deutschlands Lage — bitter ernst! Ich habe neulich zu Straßburg von Freund Trotzendorff vieles gehört, worüber ein Soldat nicht spricht, sondern mit knirschendem Erröten schweigt. Doch hängt damit zusammen, daß mich vor ein paar Tagen ein Etappen-Erlebnis ingrimmig aufgewühlt hat. Es handelte sich, kurz und derb, um besoffene (entschuldige!) und zotende Kameraden. Du kennst mich! Das hört sich dein Lebenskamerad bis zu einem Siedepunkt schweigend an, dann setzt es ein Donnerwetter, im Namen deutscher Würde und deutscher Sitte — aber so donnernd, daß diesen unpreußischen Neupreußen Maul und Nase klafften. Worauf ich einen blutjungen braven Leutnant — altpreußische Zucht, feiner und reiner Mensch — am Arm nahm und den Saustall (entschuldige abermals meinen Landsknechtston!) verließ. Es gibt Dinge, über die ich keinen unsauberen Spaß dulde. Dazu gehört die Ehe.

Genug!

Stell' dir die vorausgehenden harten Wochen vor: meist im vordersten Graben, im schweren Abwehrgefecht bei meinen übermenschlich tapferen, blutenden, sterbenden Kriegskameraden, ich selbst immer mitten unter meinen Wackeren, den Stahlhelm auf dem Kopf, naßkaltes Wetter, die Füße Eis, die Augen entzündet, der Magen knurrend — so haben wir scheußliche Übermacht bekämpft, bis Ablösung kam. Dann trottet man stumpf, todmatt, Schattengestalten, aus der Feuerzone in Ruhestellung, säubert das Fell, futtert kräftig und schläft wie ein Sack. Und wacht auf und — hält in den Händen deinen goldenen Freudenbrief, den man mit Küssen bedeckt, wie einst deinen Mund.

O mein Lieb, mein Weib! Ich hab' dir ja schon gedankt — aber nun entschuldige, daß ich heute mit solchen Mißakkorden den Brief begonnen habe, als ob mein Herz nicht trotz alledem voll Fröhlichkeit wäre! Ganze Feldpakete voll demütigen Dankes könnt' ich dir nach Thüringen senden. Also zum Knirps Gottfried hat sich eine Irmgard Elisabeth Luise gesellt! Wie das meinen Kriegsknochen wohltut! So blüht dort im innersten Thüringen heiliges Leben — und hier sucht man's mit allen Kniffen der Kriegskunst zu vernichten! Meine Gute, meine Stille, so oft ich an dich denke, sehe ich dich als eine deutsche Madonna, dein Kind an nahrhafter Brust, in dich hineinlächelnd, das Wunder des Lebens hegend und herzend an diesem Quell. Das Zauberspiel der Liebe und das Geheimnis des Werdens und Vergehens bleiben mir immer aufs neu' erstaunlich und heilig. Was tragt und duldet ihr alles um des Lebens und der Liebe willen, ihr geduldigen Frauen! Man muß euch ja verehrend auf den Händen tragen und ritterlich lieb haben!

Meine Sorge gilt dem Elsaß. Mir ist bang um des Reiches Westmark. Und wie hab' ich sie liebgewonnen! Könntest du doch einmal von der Zaberner Burgruine Hohbarr oder von dem uralten Kloster Odilienberg auf diese von Fruchtbarkeit strotzende Ebene und ihre dichtgesäten Dörfer hinausschauen! Und dann dieser Kranz von alten Reichsstädten: Kaysersberg, Türckheim, Kolmar, Schlettstadt — und wie sie alle heißen, deutsch und unaussprechlich für die Franzosen! In einem schmalen Grenzstreifen, wie hier, wird Französisch gesprochen, überall sonst alemannische Mundart. Ich sah das zerschossene Hochfeld, ging über die Perhöhe, wo nun ein Blockhaus steht, und trank Tee im Pfarrhause zu Wildersbach, bei einem Urenkel Oberlins. Aber es liegt etwas Banges in der Luft — die bulgarische Front ist durchbrochen — mehr will ich nicht sagen ...

Am Sonntag war ich in Lützelbronn, einem reizenden Dorf am Vogesenrande. Mein Bataillon hatte Ausspannung. Ich gehe durch den Ort und horche auf: da wird ja mit Verständnis mein wahrlich nicht leichter Liszt gespielt, das Sonetto del Petrarca! Ich hinein: »Was für ein Haus?« — »Das Pfarrhaus.« Also warte ich den Schluß ab und lasse mich keckweg bei dem Konfranziskaner anmelden.

Drinnen find' ich den Pfarrer, ein hageres Gelehrtengesicht, und ein heiter-natürliches, straffes Blondinchen mit einer vornehmen Adlernase, einem blühenden, feinen Mund und stahlgrauen Augen — eine Elsässerin, von der sich sagen läßt: Zauber der Französin im Bunde mit deutscher Wärme. In ihren Bewegungen kurz, rasch und bestimmt, von reizvoll wechselndem Mienenspiel — und dann wieder mit großen deutschen Blauaugen weltverloren zuhörend, wie ein Raffaelscher Engel zu Füßen der Sixtina. Sie ist nebenbei mit dem Sohn des Pfarrers verlobt; ich hab' mich also nur mit schicklichem Maß in so viel Anmut verliebt ...