Ein mäßiges Instrument, aber ich schwelgte. Derweil glühte hinter dem alten stumpfen Kirchturm das Abendrot hinab und tauchte Dorf und Stube in himmlisches Feuer.
Dann Gespräch mit dem Pfarrer, als die Kleine verschwunden war. Und wieder ein Aufhorchen. Sieh da, ein ernster, tiefer Idealist, ein Charakter! Nach außen beherrscht, innen voll verhaltener Glut. Leute dieser Art altern nicht. Je länger wir sprachen, desto jünger redete sich dieser König ohne Land, der seine Pläne, Träume, Gedanken wie Gold vor mir ausschüttete, der mir geistgefüllte Schubladen zeigte, kurzum, der von Ideen strotzt. Kannst dir denken, Elisabeth, daß ich Feuer fing! Er liest seinen Homer griechisch; er kennt Plato ebensogut wie Kant; er ist Religionsphilosoph und Mystiker. Dabei spricht er glänzend, warm und klar.
Und immer mehr stieg vor meiner Seele ein Trauerspiel empor. Dieser Königsadler im Käfig, mit seinem etwas zerrupften Gefieder und seinen hangenden Flügeln, zeigte mir, trotz alledem, daß er noch fliegen konnte. Warum aber sitzen solche Talente in der Ecke? Warum führen sie nicht? Fehlt es uns nicht überall an Führern? Ich habe lange darüber gesonnen: Ist er ein elsässisches — ein deutsches — ein europäisches Opfer? Hat ihn der dürr-materialistische Zeitgeist um die Verwendung seiner Kräfte geprellt? Schleiermacher ist sein Lehrer; und von da aus hat er sich besonders mit der Romantik befreundet; er kennt genau Novalis und Hölderlin, diese schön angelegten, aber unerfüllten Seelen voll Weisheit und Liebe. Einmal, als er sprach von der Notwendigkeit eines neuen Herzensaufschwungs der Deutschen, kam er so ins Feuer, daß er ans Klavier sprang und mit mächtigen Akkorden und entsprechendem Tenor das »Wachet auf, es nahet gen dem Tag« aus den »Meistersingern« hinaussang. Und mit Wucht fuhr es danach aus ihm heraus: »Wo bleibt denn eure Kraft, euer Einfluß, ihr deutschen Gralsucher?! Ich muß euch anklagen, ihr seelenlosen, kurzsichtigen Deutschen, und sage mit Bewußtsein ›euch‹, denn ich Elsässer, vor 1870 geboren, fühle mich jetzt als ein zwischen den Nationen zermalmter Europäer. Ihr seid Knechte eines seelenlos verrömerten Staatsbegriffes geworden! Wo habt ihr eure einst führende Gemütsmacht? Wo habt ihr die Liebe? Ihr habt sie für das Linsengericht äußeren Fettwerdens verkauft! Ihr wollt Engländer- und Amerikanertum nachäffen! Gebt acht, das bezahlt ihr! Habt ihr uns Elsässern etwas andres ins Land gebracht als Paragraphen und Polizei? Warum habt ihr uns nicht beizeiten Selbständigkeit gegeben? Nun sehen Sie sich um, wie unsere Leute verbittert sind! Neudeutschland hat sich im Lebenston gegen uns vergriffen! Der Franzose täuscht wenigstens mit liebenswürdigen Phrasen über seine Leere hinweg. Nein, keine Widerrede, Herr Hauptmann, ich würde nicht so sprechen, wenn ich nicht bitterlich an Deutschland gelitten hätte, also Deutschland liebte!«
So hat mir der anfangs verschlossene Sonderling sein Herz entsiegelt. Er war Privatdozent in Heidelberg gewesen, hat sich dann auf sein Gut zurückgezogen und bei Kriegsbeginn diese Pfarrei übernommen. Wieviel Tüchtige leiden edel und unbeachtet in den Tiefen unseres Volkes!
Kurzweg, unter einem bedeutenden Eindruck fuhr ich nach Straßburg zu Freund Trotzendorff.
Hier unterbrech' ich mein Schreiben einen Augenblick. Weißt du, weshalb? Lache nicht: eine Bachstelze setzt sich auf den Rand des Brunnentrogs, wippt mit dem langen Schwanz, trippelt anmutig und zutraulich näher und beäugt mich. Und hat weder vor Revolver noch Feldgewand Angst, sondern trinkt ganz gemächlich. Ich nehm's als einen Gruß von dir aus dem Lande der Liebe ...
Der tapfere Haudegen Trotzendorff ist von seinen Wunden genesen, doch dürr wie ein Lattenzaun. Du kennst seine völkische Tonart, seit er in die Politik geraten; das Elsaß war schon lange sein Sorgenkind. »Viel kleinliche, ja erbärmliche Erfahrungen hab' ich hier eingeheimst«, sagte mir der graue Recke. »Die Elsässer sind von Natur freimütig und gastfrei; aber sie sind unter der welschen Hetze der letzten Jahrzehnte duckmäuserig und zweideutig geworden, Zwittergestalten! Jammerschade um so guten Stoff!«
Am Abend beim Statthalter. Die alte deutsche Reichsstadt wirkt im Herbstnebel schwer und mittelalterlich. Noch gigantischer ragt und wuchtet in der Mitte das berühmte Münster mit dem einzigen, schlanken, durchgeistigten Turm, der sich übrigens in diesem rheinischen Kies- und Schlammboden zu senken gedroht hat vor lauter Kummer um die Zeit. Alte schmale Gassen, überhängende Stockwerke, sonderbar altdeutsch anmutende Straßennamen, wie Tücherstub-, Schreiberstub-, Goldschmied- oder Zimmerleutgasse. Universität und Kaiserpalast sind Lazarette; viel entsagungsvolle Arbeit wird da von Professoren getan; ein Kirchen- und Kunsthistoriker war mein geistvoll gesprächiger Führer. Zwischen den neuen Amtsgebäuden am Kaiserplatz, durch das Wasser getrennt, steht am Staden der vornehm wirkende Statthalterpalast. Sehr hohe Gemächer, weiß-goldner Ton, roter Teppichboden; einfach-freundliche Formen der kriegsmäßigen Geselligkeit. Es waren da allerlei Offiziere, Geheimräte, Professoren; ich sprach besonders mit Elsässern. Kehrreim aller sorgenvollen Gespräche war immer wieder: Was wird aus dem Elsaß? So stand oder saß man in Gruppen beisammen, rauchte, plauderte und schritt dann durch die aussichtslose Nebelnacht der abgeblendeten Stadt nach Hause ...
Der lederbraune, hagere Trotzendorff, zweimal dem Tode nahe, ist ernst geworden wie ein Karmeliter. Treitschke und Lagarde blieben zwar seine Führer und Freunde; doch zum Völkischen ist das Religiöse getreten; er hat sich vertieft. »Wir haben die deutsche Seele vernachlässigt, mein Junge«, war einer seiner Aussprüche. Und da tauchte mir das Dörfchen Lützelbronn im Gesichtsfeld auf, der rauchende Pfarrer, das entzückende Blondinchen. Ich erzählte Freund Trotzendorff davon; er hatte den Namen gehört. »Einer von den Alt-Elsässern, die wir heranholen werden, wenn hier nach dem Kriege von uns aufgebaut wird.« Wenn! ...
Ich denke an meine erste Kriegszeit hier im Elsaß. Unvergeßliche, packende Tage und unheimlich großgestimmte Nächte! Scheinwerfer, die ruckweise den Himmel absuchen, marschierende Regimenter, schwüldunstige Rheinebene — dann Namen wie Barr, Andlau, Hohwald — dann seh' ich uns im Straßengraben rasten — Meldereiter, Radfahrer keuchen vorüber — und nun rasseln und knarren Batterien nach vorn, bärtige Leute, die in bewußt strammer Haltung, geschüttelt und gerüttelt, auf neugeschirrten Rossen und Wagen sitzen, mit Zurufen von der rastenden Infanterie begrüßt ... Wir nach, mit klopfendem Herzen, in den wachsenden Kanonendonner hinein — und noch am Abend Sturm! Das war meine Feuertaufe. Literweise hat elsässischer Boden mein thüringisch Blut getrunken!