Was hatte man seitdem von den flandrischen Trichtern bis zu den russischen Sümpfen und rumänischen oder serbischen Schafweiden alles auszuhalten! Deutschland im Kampf gegen die ganze Welt! Zeitgenossen, spürt ihr auch, was da geleistet wird? Deutsche Soldaten halten Wacht an jeder Eisenbahnbrücke, in jeder Ortschaft Belgiens und Nordfrankreichs, im ganzen Reiche, in Westrußland bis hinaus ans Schwarze Meer; deutsche Gouverneure, Richter, Bürgermeister, Polizeibeamte sind in allen besetzten Gebieten ausgestreut. Oft unter schwersten Verhältnissen arbeitet irgendwo in der Ferne ein vereinzelter blutjunger Leutnant in irgendeiner Kommandantur oder in einer verwahrlosten, von Deutschen wieder in Schwung gebrachten Fabrik. Und wie verleumdet uns diese teuflische Auslandspresse! Daß es auch bei uns Schufte gibt — selbstverständlich! Aber die Mehrzahl unseres tapfer duldenden Volkes sorgt für Ordnung und Methode, trotz Hunger und Not; und die wackeren Männer stehen im blutigen Kampf. Hungerblockade, Lügenblockade, Übermacht von außen und Zersetzung von innen werden vielleicht ihr Ziel erreichen — aber das weiß ich: unbesiegt werden wir deutschen Soldaten vom Schlachtfeld abrücken!

Behüt' dich Gott, meine Gute, mein Weib, mein Glück! Dieser Brief deutet mehr an, als er ausführt. Sorgen genug! Doch wir stehen fest wie einst die Zeder Oberlin, dessen Grabmal ich gestern in Fouday besucht habe.

Es dunkelt an den Gebirgen, ein feiner Kaminrauch sammelt sich über Waldersbach, die Sonne ist hinter die westlichen Kuppen hinabgesunken — etwas vom Wirken eines gütigen Menschen ist hier in der himmlischen Luft geblieben und schimmert herüber. Der Bergquell, der neben meinem Sitz sein kristallklares Wasser in den Holztrog rieseln läßt, wird vernehmlicher und singt sein uralt Einsiedlerlied in die beginnende Nacht. Über der Gegend von Schirrgutt und Bellefosse wartet schon der Mond — derselbe Mond, der sich vielleicht eben jetzt in deinen Augen spiegelt, meine liebe, liebe Elisabeth!

Dein Ingo.

Viertes Kapitel
Ein Nachtgang

Mir ist so weh ums Herz,

Mir ist, als ob ich weinen möchte

Vor Schmerz.

Gedankensatt

Gedankensatt