Er lauschte den verhallenden Schritten, als der Spielmann sich spät entfernte; er glaubte zu vernehmen, daß diese Schritte hinter Bielers Haus verstummten. Und weiter fieberte und phantasierte der Nervenkranke, da sei gewiß eine Verabredung getroffen. Fannys Stube ging auf den Garten, an dessen ansteigendem Ende das Birkenwäldchen den Hang krönt, ihr Lieblingsplatz. Ob sie den Hauptmann im Garten erwartet? Denn Fanny ist ein unberechenbares Geschöpf, das sich im großartigen Rausch ergibt, gänzlich moralfrei, nur Natur, nur Weib ...
Er lag und zerwühlte den Kopf; er sprang auf und lief hin und her; er holte sein Tagebuch und schrieb sich das Herz leicht.
Mitternacht schlug. Es duldete ihn nicht mehr. Er schlich auf Fußspitzen die Treppe hinunter und durch das leise knarrende Hintertürchen in den Garten. Alles still. Milde Spätsommernacht; am Himmel strichweise flimmernde Wölkchen, dazwischen feinfunkelnde kleine Sterne. Hinter den Tannen mußte bald der Mond kommen.
Gustav ging am Pfirsichstaket entlang; dort lag das Brett; er stellte es an und stieg geräuschlos auf die Mauer. Hinübergebeugt verharrte er eine lange Weile, lauschend, spähend — regte sich da nicht etwas? War das nicht ein Geflüster? Nein, es war doch wohl nur ein verlaufenes Nachtlüftchen oder vom unteren Dorfe her der immer fließende Brunnen, dessen Ablauf sich ins Waschhaus und von dort in den tiefen Fischteich ergießt. Irgendwo ein Hundegebell. Er blieb in seiner halbliegenden Stellung, bis ihn die Glieder schmerzten. Dann stieg er vorsichtig hinüber und schlich schattenhaft zwischen den Birken hin, den Blick auf Fannys Kammerfenster gerichtet.
Der Mond stieg; der Giebel wurde hell. Die Helligkeit kroch langsam weiter, wandab. Und jetzt schien der Mond in Fannys Fenster. Sieh an — das halbe Fenster stand ja offen! Neu aufzuckende Qual! In jagender Gedankenschnelle fuhr es ihm in den Kopf, daß in der Nähe die Gartenleiter hing; sie mochte ungefähr bis zu jener Höhe reichen. Die schwülsten Ausmalungen peinigten ihn. Ja, jetzt war es ihm unfehlbar gewiß: Fanny war falsch! Fanny, des langen Harrens auf solch siechen Bräutigam müde, hatte sich von einer Minute zur andren dem Fremden an den Hals, in die Arme geworfen! Zwar, allerdings, sie pflegt ja immer mit angelehntem Fenster zu schlafen — das ja wohl — aber — ja, was denn? Das halbe Fenster war ja offen — — und horch!
Nein, nur der Hund knurrte. Der Hund im Hofe hatte etwas gemerkt und wurde unruhig, schlug auch kurz und halblaut an. Gustav überlegte. Sollte er Lärm machen? Sollte er dem ganzen Hause, dem ganzen Dorfe, dem ganzen Erdball ausschreien, was hier vorging? Ein paar Augenblicke überbrauste den Leidenden mit fast unwiderstehlicher Macht eine wilde Blutwelle: »Jawohl, schrei es hinaus, brülle, tobe, tobe, tobe! Schlage den Schlaf und den Frieden dieser Menschen von Lützelbronn in Fetzen und Stücke, da doch dein eignes Glück in Trümmern liegt!« Aber diese brausende Woge verebbte wieder; der Tobsuchtsdrang wich. Wenn Fanny glücklich war, mochte sie halt ohne ihn glücklich sein; lieb behalten wollte er sie dennoch.
Nun empfand er Mitleid mit sich selber. Er schlich weiter, glitt an der andren Seite über die Mauer und ging, bereits mit aufquellenden Tränen kämpfend, hinab an den immerzu plaudernden Brunnen und weiter an den jetzt mondüberschimmerten, schwärzlich glatten Weiher.
Dort stand er lang am Ufer, wie eine Weide, immerzu ins Wasser starrend. Er ließ seinen Tränen freien Lauf. Seine geliebte Braut hinter ihm in den Armen des Hauptmanns! Und er — ein gebrochener Mensch!
Sein Weinen ging allmählich in Gebet über. Und immer war es Fanny, der nun auch sein Gebet galt, wie vorher seine Tränen. Gott möge sie doch nicht schlecht werden lassen — so betete der Arme —, nur nicht schlecht werden, nicht ihrer leicht entflammten Sinnlichkeit unedel erliegen lassen. Er wollte selber gern das Opfer bringen, gern entsagen, gern untergehen und sich von der Welt fortstehlen; aber Gott möge doch Fanny segnen, seine geliebte Fanny!
Das Wasser hatte unheimliche Anziehungskraft. Ein Sprung in die Tiefe — und du bist frei! Und Fanny ist frei und kann sich den Mann wählen, der zu ihr paßt. Und diese Welt voll Haß und Kampf, voll Verleumdung und Lüge rollt weiter, ob ein Schwächling spurlos verschwinde oder nicht. Er entwarf Abschiedsbriefe. Da waren einige Menschen, denen er noch gern ein letztes gutes Wort niedergeschrieben hätte ...