Tränen, Gebet und die Gedanken an die Seinen verringerten nach und nach die Seelenspannung. Es floß etwas hinweg. Die Dämonen verließen ihn. Er schaute leichter atmend und nunmehr empfindlich fröstelnd in die kühle Nacht. Ach, war doch am Ende all seine Erregung Unsinn? Hatte nicht Fanny sogar im Winter das Fenster offen? Und dann: unten lag ja der Hofhund; und über ihr schlief Tante Sophie ihren leichten Schlummer; und eine Leiter hätte man doch wohl irgendwo sehen müssen. War doch vielleicht alles nur Einbildung?
Beschämt und müde schlich der Nachtwandler spät nach Hause, legte sich möglichst geräuschlos zu Bett und versank sofort in todähnlichen Schlaf.
Gustavs Nachtgang war bemerkt worden.
Sein Vater lag noch lange Stunden wach, nachdem der thüringische Gast die Gedankenmasse des Elsässers aufgewühlt hatte. Welch eine Wonne und Wohltat ist doch solche Aussprache! Wahrlich, der Mensch braucht den Menschen zur gegenseitigen Belebung; wir alle nähren uns voneinander. Viel Gutes in uns verkümmert, verdorrt, vertrocknet, wenn es nicht durch wechselseitige Elektrizität, durch Gespräche, durch Herzensaustausch zur wärmenden Flamme angefacht wird. Der stille Gelehrte hatte die Empfindung, daß er eine Verjüngung erlebt habe. Er hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden. Und auch das Vertrauen zum deutschen Volke, das er seit Jahren und Jahrzehnten auf ebenso verderblich materialistischen Wegen sah, wie die ganze übrige Welt. Also lebten in Deutschland doch noch Männer, die genau so dachten wie er, sogar im feldgrauen Kriegsgewande? Und also war er nicht allein, nicht ganz allein?! Wie tut es doch bis in das Innerste wohl, sich von einem wertvollen Mitmenschen in seinen eigensten Gedanken und Gesinnungen bestärkt und bestätigt zu fühlen! Es ist eine paradiesische Begegnung, wenn sich zwei Gralsucher die Hände reichen ...
Mitternacht hatte vom Turm geschlagen. Da hörte der Halbwache schleichende Schritte, dann das Knarren der Hintertüre. Jemand ging nach unten, nach dem Garten. Litt Gustav wieder an Schlaflosigkeit? Suchte er nach seiner wunderlichen Weise Mitternachtsstille und lief ein Weilchen im Garten auf und nieder? Der Pfarrer träumte weiter; er drohte einzuschlummern. Da schlug es vom Kirchturm eins — und noch war Gustav nicht zurück.
Jetzt überkam den Vater des jungen Kranken eine unbestimmte Besorgnis. Er stand auf, kleidete sich einigermaßen an, nahm das Taschenlaternchen und ging hinaus. Die Bodentüre stand offen; er begab sich nach oben und klopfte an. Keine Antwort; aber Licht brannte. Er trat ein; das Zimmer war leer; auf dem Tisch unter der Arbeitslampe lag ein offenes Tagebuch, an dem Gustav geschrieben hatte.
Zwischen Vater und Sohn pflegte mit einer selbstverständlichen Natürlichkeit das Briefgeheimnis gewahrt zu werden. Jetzt aber, in der sorgenvollen Ahnung, daß den Sohn irgendeine Seelenqual umhertreibe, beugte sich der Vater über den Schreibtisch und las die frisch beschriebenen Blätter des sonst sorgsam verschlossenen Geheimbuches.
Er war entsetzt. Wilde Worte, wüste Bilder, jagende Buchstaben! Und alles drehte sich um die eine Frage: Mann und Weib! Die Feder hatte gerast, Tinte verspritzt, mitten im Satz abgebrochen und war dann in wirr gekritzelte und durchgestrichene Zeichnungen übergesprungen — — alles ohne Hemmung, weder Sitte noch Anstand achtend, durchgehende Rosse einer krankhaft ausgepeitschten Phantasie!
»... Weibgeheimnis — Waldgeheimnis — man will immer tiefer eindringen — ja, ja, ich verstehe den Mord am Wild, den Mord am Weib — das Geheimnis herauswühlen, das Lustgeheimnis, den Zauber, die Verhexung — wo steckt das im Weib? Wo, wo? Her damit! — Kind und Spielzeug — Lustmörder und Opfer — Wollust des Mordens — Mord und Minne gehören zusammen — Doppelrausch! Das kann der Franzose: mit Geschmack verführen — das will Fanny, das will jedes Weib — und ich Jammerlappen bin zu brav, zu deutsch, zu feig, zu schwach dazu — — — — und dennoch ein lüsterner Schuft!« ...