Dann Bilder von Frauengestalten, ein Hexentanz von Strichen! Doch nach und nach war offenbar Beruhigung eingetreten. In Gustavs wiederum gleichmäßiger, schöner Handschrift kam nun eine Art Trauerlied:

»Nacht, Nacht, Nacht! Und ich bin immer allein! Der Baum hat eine Stimme, wenn der Nachtwind kommt, denn er rauscht, und ihm antwortet ein anderer Baum, ein Busch, ein Halm — und sie klagen miteinander der Mutter Nacht ihr altes Leid. Aber ich bin immer allein.

»Es ist irgendwo ein Land, weitab. Da sind die Leute freundlich und friedlich; da kommt einer zum andren, wenn dieser traurig ist, faßt seine Hand und spricht lieb zu ihm oder weint mit ihm, und sie sind gemeinsam traurig. Aber ich bin immer allein.

»Ach, es weint in mir, wie ein Brunnen in der Tiefe rauscht. Und mir wäre wohl, wenn die Wasser heraufstiegen und aus meinen Augen über die Wangen flössen. Ach, mir wäre wohl, wenn ich ein Dichter wäre und singen könnte, was in mir weint. Doch ich habe kein Saitenspiel, und die Wasser kommen nicht herauf zu mir, und das Weinen bleibt in der Kehle — und ich bin immer allein ... Nacht, Nacht, Nacht!« ...

Tief erschüttert stand der Vater vor diesen Bekenntnissen seines einsamen Sohnes. Das also war die Nachtseite seiner am Tage so scheu verschlossenen Seele! Wie von Scham übergossen schlich der Pfarrer auf den Zehen in sein Zimmer hinunter, verriet durch kein Licht, daß er wachte, und legte sich wieder in sein Bett, um noch lange schlaflos ins Dunkel zu starren.

Später hörte er den Sohn mit verstohlenen Schritten zurückkommen. Wo war der Junge gewesen? Hatte er, von diesen niederen Vorstellungen gepeinigt, vielleicht seine kindlich-reine Braut aufgesucht? Und war denn vielleicht auch Fanny, diese tagsüber so unbefangene Natur, in ihren Tiefen so wie dieses Tagebuch? Was mochte man wissen! Man konnte ja an allem irre werden!

»Da wollt' ich noch eben mit diesem Hauptmann den Himmel auf die Erde holen — und vermag nicht einmal in meinem Hause Seelenfrieden herzustellen! Da wollt' ich noch eben die elsässische Seele retten — und schaue nicht einmal in meines Sohnes Seele! Weib und Werk sind mir entglitten — jetzt entgleitet mir auch mein Sohn!«

Nur ein Vater vermag es zu ermessen, welche Qualen diesen Mann in der einen Nacht heimsuchten. Er empfand seinen Sohn als ein von Gott ihm anvertrautes Gut; er war von der Gewißheit durchdrungen, daß er am Thron Gottes Rechenschaft über ihn abzugeben hatte. Aber er besaß ja diese junge Seele nicht mehr, die er doch erzogen hatte, er besaß auch nicht Fanny! »Ist denn dies nun das neue Elsaß? Gärt solche heimliche Lebensgier in den Tiefen dieses jungen Geschlechtes? Denken sie denn nur an sich, immer nur an sich, und nicht an des Vaterlandes große Not? Fanny, Fanny, bist denn auch du so von Sinnlichkeit zerfressen wie der unglückliche Zeichner dieser Bilder? In welche Welt der Dämonen bin ich da geraten! Sie toben also nicht nur an der Front, die Dämonen, nicht nur in der Lügen- und Verleumdungspresse — sie vergiften auch meinen allernächsten Bezirk, meine zwei liebsten Menschen.«

Es gibt Nächte so tiefer Qual, daß der Mensch eine Art Vortod durchmacht. Da löst sich alles, was noch an der Erde hängt. Die Seele fühlt sich in ein graues Nichts hinausgestoßen. Sie kann sich an nichts mehr halten, denn es ist zum Halten nichts mehr vorhanden. Überall furchtbare Leere! So ist es beim Sterben, wenn keine Liebe den Menschen begleitet, der den Körper verlassen soll. Liebe jedoch ist wie ein Licht, das den Weg hell und freundlich macht.

Und der Philosoph, wiederum ganz schlichter Mensch geworden, tat dasselbe, was sein Sohn unten am Weiher tat. Seine gramvollen Gedanken gingen in Gebet über. Er bot dem Allwaltenden sein Werk als Opfer an.