»Ich will auf alle persönliche Ehre und auf das letzte Restchen Eitelkeit verzichten; ich will die ganze Summe meines Fleißes verbrennen: wenn ich nur die paar Menschen meines Umkreises, ja nur einen einzigen Menschen vor Verwirrung und Untergang bewahren und einem edlen Leben gewinnen kann ...«

Die Uhr tickte; der Mond stieg. Sein Licht wanderte durch die hohe Nacht. Um den Erdball zuckten Fernfunken der drahtlosen Telegraphie; um den Erdball zuckten Kriegsberichte, Haß und Verleumdung; Raketen, Granaten und Scheinwerfer stellten ihre Flammen in den Dienst des Kampfes; auf dem Meere dröhnte da und dort ein torpediertes Schiff in die Luft; und auf unschuldige Städte fielen mörderische Bomben, während in manchem deutschen Hause die Kinder ungesättigt zu Bett gingen.

Aber aus den Tiefen vieler Menschenherzen quollen Tränen und Träume empor: Träume von einer künftigen edleren Lebensgemeinschaft, wo niemand mehr aus Mangel an Liebe verhungern wird.


Noch zwei schlaflose Augen hatten Gustavs Nachtgang beobachtet. Als der Hund knurrte und unwillig anschlug, wurde Tante Sophie in ihrem Giebelstübchen aufmerksam. Ihr Bett stand nahe an der Fenstergardine. Sie reckte den äußerst hageren Leib und spähte hinaus; denn ihre Phantasie war immer mit Einbrechern und Spionen beschäftigt. Und wahrhaftig: ein Mensch ging durch den Garten, kletterte über die Mauer und sprang jenseits hinab!

Nun aber auf! Die halblahme Alte knipste Licht an, hüpfte mit ungewohnter Lebendigkeit in den Morgenrock und in die Wollschuhe — und dann humpelte, schlürfte, ächzte sie über den Speicher hinüber an die andre Giebelstube und klopfte mit knochigem Finger der knurrigen Salome: »Sälmele, vite, vite! Mach Sie schnell uff! Awer schnell! Es isch e Inbrecher am Hüs!«

Salome schlüpfte zunächst unter die Bettdecke. Dann endlich, nach längerem Klopfen und Winseln, entschloß sie sich, aus den Federn zu kriechen und der verängsteten Tante Sophie zu öffnen. Diese schoß sofort ans Fenster: »Do, do geht er, gück, do! Do geht einer an de Brunne!« Und erzählte flüsternd und entsetzt ihre Beobachtungen. »Was für griserlichi Zitte! Sälmele, Sälmele! Mr isch sines Lewes nimmeh sicher! Vous verrez, es gibt noch Revolution im Land! Jerum, jerum, wär' ich nur schon im Spital oder im Totebaum!«

Die beiden ältlichen Jungfrauen lebten sonst in fortwährendem Kleinkampf. Aber Not schweißt Herzen zusammen. So pflegten sie denn auch manchmal bei schweren nächtlichen Gewittern einander an die Tür zu pochen und rasch ihre geliebtesten Sachen zu packen; dann setzten sie sich, auf das Schlimmste gefaßt, zitternd und seufzend auf die unterste Stufe der Bodentreppe, die eine mit ihrer eisernen Kassette und einigen Kleidungsstücken, die andre mit Hutschachtel, Käfig und Kanarienvogel. So warteten sie alsdann, bis das Wetter vorüber war. Worauf sie wieder in ihre Stuben und Besonderheiten entwichen, um sich gegenseitig am andren Morgen doppelt unfreundlich und mißtrauisch zu behandeln.

Also standen sie denn auch heute nacht Schulter an Schulter spähend am Fenster, in mangelhaften Gewändern, und schauten über die Geranien hinunter nach der Gespenstergestalt, die an den stillen, glatten Weiher ging und dort lange, lange stand ...

Als aber am andren Morgen Salome, mit der nächtlichen Neuigkeit geladen, schnellfüßig nach unten in die Küche lief und sich das erstaunte Gesicht der Haustochter ausmalte, wurde sie enttäuscht. Denn zunächst kam Fanny sehr spät in die Küche. Wo blieb sie denn nur immer so lang in den letzten Tagen? Was machte sie denn in ihrem Zimmer? Gab es so viel Post zu beantworten? Und verdrießlich wirtschaftete Salome zwischen ihrem Geschirr herum, bis sie Schaulis habhaft wurde, dem sie dann umständlich und mit schmückenden Zutaten das nächtliche Abenteuer erzählte.