Fanny hatte allerdings an diesem Morgen einen Brief erhalten, und zwar von Erwin. Sie war heute nicht auf seinen Ton gestimmt; denn sie war Feuer und Flamme für eine ganz andre Arbeit, die sie vor kurzem begonnen hatte und der sie jede freie Minute widmete. Immerhin wirkte Erwins Schreiben für den Augenblick aufheiternd, wenn es auch ernst ausklang.

»Liebste Kussy — verzeih, da verschreib' ich mich gleich zu Beginn, denn ich wollte natürlich Cousine Fanny schreiben, zog es aber in ein Wort zusammen, denn mir tanzt noch dein Kuß vor den Augen, auf den Lippen, in der Feder herum! Und wen die Mussy geküßt — verzeih, ich wollte natürlich Muse schreiben, aber meine Muse heißt Fanny, und so zog ich's wieder in ein Wort zusammen! Wen also die Muse geküßt, den hat Apollo am Ohrläppchen, und er reimt fortan Kuß und Schuß. Hat dich nicht deine verstorbene Mutter ma douce‹ oder ›ma doucie‹ genannt? Also deutsch: Duß und Dussy! Und habt ihr mir nicht manchmal gesagt, ich sei ein ›Schöute‹ oder ›Schussele‹, das heißt ein fahriger, närrischer Bursche? O Dussele, Kussele, Mussele — wie würden wir zwei uns reimen! Aber das ist doch alles nur papierlich, nicht natürlich, mithin ein erbärmlicher Kriegsersatz für mündlichen Bericht! Schuß tötet, Kuß belebt — hol's der Kuckuck, daß ich zu ersterem verdammt bin! Lieb Schussinchen — nein, halt — kurzum, es schusselt, kusselt, dusselt mir unter der Hirnschale herum, daß ich keinen Brief zusammenkriege. Leb' wohl für heute! In einer Stunde wieder im Feuer! N.B. Beinschuß, nicht schwer, liege im Lazarett. Gedenket mein! Erwin.«

Fanny las diesen Brief zwei- und dreimal. Und sofort tippte sie Antwort. Denn sie saß bereits an der Schreibmaschine, die mit Leichtigkeit und Anmut von ihr gehandhabt wurde.

»Dein Schusselebrief, lieber Erwin, klingt ja so ernst aus, daß ich aus dem Lachen in jähes Erschrecken geriet, als ich deine Schlußworte las. Hoffentlich doch nicht schlimm? Schreib' ja recht bald wieder! Ich bin an der Schreibmaschine, daher diese ungewöhnliche Schrift, die ich sonst für Briefe nicht mag, weil sie so unpersönlich ist. Aber neben mir liegen Stöße von beschriebenem Papier. Und weißt du, was ich tue? Es ist mir durch ein Gespräch mit Lisy so recht bewußt geworden, wie einsam Onkel Arnold ist. Da liegen seine ziemlich schlecht geschriebenen Arbeiten in seinen Schubladen. Er würde sie gern dem oder jenem Kollegen oder Verlagsbuchhändler vorlegen, kann sich aber nicht zu einer Abschrift entschließen, mag sie auch nicht einem Abschreiber anvertrauen. Es ist so eine tiefe Gleichgültigkeit über ihn gekommen. Weißt du, was ich nun mit Lisys Hilfe getan habe? Wir haben ihm den ganzen Stoß aus dem Schreibtisch gestohlen! Und ich sitze und schreib' sie ihm heimlich ab! Nun verrat mich aber nicht! Es soll eine Überraschung werden. Und schreib doch auch Gustav einen recht, recht lieben, ermunternden Brief! Gott behüte dich, du Schussele! Fanny.«

Als hernach Fanny in die Küche kam und händereibend an die ganz andersartige Arbeit ging — es war Wäschetag —, hatte sie für Salomes spukhaften Bericht gar kein Ohr. »Dumm Dings, Salome! Ihr zwei alti Jungfere han do owe G'spenschter g'sehn!«

Alte Jungfer ließ sich aber die bäuerlich kräftige Salome gar nicht gern nennen, auch nicht im Scherz, und selbst nicht von der Mamsell Fanny. Sie habe noch recht scharfe Augen, meinte sie, und war sehr verschnupft. Da sie ohnedies nicht an Gesprächigkeit litt, so gab es ein schweigsames Arbeiten.

Doch das innere Lächeln verschwand nicht von Fannys wunderhübschem Gesichtchen, das unter dem weißen Arbeitskopftuch womöglich noch reizender aussah.

Fünftes Kapitel
Ein Nachtgang

Im heißen Tiegel liegt mein Vaterland.

Daß ihm die Glut zur Läuterung gereiche,