Daß es verjüngt dem Flammengrab entsteige:
Dies füge des allmächt'gen Schmelzers Hand!
Karl Hackenschmidt
Schmerz reift den Menschen. In einer Stunde der Erschütterung kann die Seele mehr erstarken als in sechs dürren Jahren.
Durchdrungen von der Großartigkeit des Opfergedankens, ging Arnold am andern Morgen an sein Tagewerk. Er war bisher Gelehrter gewesen, zu sehr Gelehrter, auch als Pfarrer; er hatte sich auf einsamen Höhen gefühlt und als verkannt empfunden; er hatte Hochmut beherbergt. Nun wollte er ganz schlichter Mensch sein: liebender Mensch, der aber vielleicht durch Liebe schöpferisch wird. Gedeiht nicht alles Hohe nur durch Opferung? Opfert nicht die Mutter unter Lebensgefahr ihre Kraft und vieler Nächte Schlaf, damit ihre Kinder gedeihen? Bringt nicht der Freund dem Freunde seine Fürsorge und Anteilnahme dar? Taucht nicht das Saatkorn in die Erde und opfert seine Form, damit aus Finsternis vielfältige Frucht ans Licht emporsteige?
»Ich habe auf falschen Wegen Werk und Glück gesucht«, dachte er überm Ankleiden; »ich will meinen Gelehrten-Ehrgeiz opfern und schlicht vom Herzen aus zu leben versuchen, Mensch zu Mensch. Ich will meine Verstandesarbeit verbrennen; denn sie war unbeseelt. Mit diesem Weltkriege — das spür' ich jetzt — donnert eine unbeseelte Zeit zu Ende. Oder sind es schon Geburtswehen? Wird unter Tränen Seele geboren?«
Er trat an den Schreibtisch.
Und nun widerfuhr ihm eine seltsame Überraschung. Er öffnete die untere Schublade zur Rechten. Da pflegte er seit Jahren den Stoß seiner fertigen Handschriften zu verwahren. Aber das Fach war leer. Nur ein vergessenes Heftchen Volkslieder lag darin; das war wohl irgendwie einmal dazwischen geraten. Er zog es hervor und las den Titel: »Rosen und Rosmarin. Auswahl deutscher Volkslieder mit Bildern von Rudolf Schäfer«. War er denn verhext? Lagen die Papiere etwa im linken Fach? Auch nicht. Hatte er sie bereits herausgenommen, als er im Gespräch mit dem thüringischen Gast diese Arbeiten erwähnte? Möglich. Aber er entsann sich dessen nicht. Er wußte, daß er, mit nachdrücklicher Hindeutung, einmal voll stolzen Grimmes von seinen geistgefüllten Schubladen gesprochen hatte, die niemand begehre. Und nun waren beide leer? Er fuhr sich über Augen und Stirn. Hatte er sie denn nachtwandelnd bereits verbrannt?
Bestürzt stand der Gelehrte vor dieser Leere. Er blätterte in den gemütvollen deutschen Volksliedern, die keinerlei Gelehrsamkeit beanspruchten und doch von Leben strahlten.
»Es war ein Markgraf über dem Rhein,