Und jäh zuckte nun er selbst empor. Ein ferner Kanonenschuß! Das kam aus den Südvogesen. Unheimlich, ob auch gedämpft, rollte das nun wieder Schlag um Schlag über die lang widerhallenden Berge. Es gab Tage, wo diese Batterien nur tropfenweise zu vernehmen waren; und andre Tage, wo die Fenster zitterten. Zwei Völker rangen dort wieder um des deutschen Reiches Westmark! Zwei nur? Nein, viele Völker! Seit vier Jahren schon ein Lebenskampf zwischen Deutschland und fast der ganzen übrigen Welt! Und dieses deutsche Elsaß-Lothringen, dieses Alemannenland, das die Gegner eine geraubte französische Provinz zu nennen wagten, war bei alledem eins der leidenschaftlich umstrittenen Kampfziele. Auf den Tag der Rache hoffte ja Frankreich seit Jahrzehnten! Auf den Tag der Rache hatte auch im Elsaß eine kleine gehässige Minderheit gewartet und gewühlt seit Jahrzehnten! Nun hatten sie ihren Rachekrieg. Europa blutete. Und das Niederträchtige dabei war, daß die feindlichen Völkerschaften dem deutschen Volk und dem deutschen Kaiser alle Schuld zuschoben ...

Vier Jahre Weltkrieg! Er dachte an die ersten lodernden Kriegstage zurück: wie er Schwester und Tochter seines damals krank liegenden Nachbarn und Freundes Bieler noch im letzten Augenblick aus den Südvogesen holte. Welche Flucht! Die furchtbaren Donnerschläge der Kanonen, die hinter ihnen den dunkelblauen Nachthimmel in rote Glut und die Dörfer in Rauch und Brand verwandelten! Die Franzosen waren über die Schlucht und von Belfort her in Gebirg und Ebene eingebrochen. Eine Reihe von elsässischen Ortschaften wurde besetzt; die Bevölkerung der Kampfzone floh. In einem kleinen Gefährt holte er noch rasch die zwei Frauen, die dort auf Besuch waren. Jenes ganze Dorf war auf der Flucht. Bald wuchteten Bergwände hinter dem Zug der verstörten Flüchtlinge. Die Sinne vernahmen wieder die Geräusche der Nähe. Lauter knarrten und ächzten die Wagen; die schlürfenden Schritte und das Schnaufen der Rinder machten sich stärker vernehmbar; ein Husten oder Niesen klang kühner hinaus; auch zahlreicher als zuvor ein Weinen oder eines Kindes Geplärr. Und vernehmlich rauschte neben der Straße der mitwandernde Waldbach, der sich gleich jenen Elsässern in die Rheinebene zu flüchten schien. Wohl verfolgte dumpfer Kanonenton Gehör und Gemüt noch lange. Doch das Mordfeuer klang spärlicher und durch Ferne gemildert in die Seele der Entsetzten.

Er sah sie im Geiste zwischen ihrem hochgetürmten Gerät. Mit gezügelten oder gemessenen Schritten bewegten sich neben den Ochsen und Kühen die Knaben und Greise, gedämpften Tones die Zugtiere ermunternd und die nachwandelnde Herde antreibend. In der sternenhellen, mondlosen Nacht blitzte von Zeit zu Zeit eine Laterne auf. Der vorderste Bauer hatte seine Leuchte am Leiterwagen befestigt und erhellte als Führer den Weg. Der alte Lehrer schritt manchmal die Reihe entlang und rief ermunternd einzelne Namen in die Nacht hinaus; und von da und dort scholl beruhigende oder seufzende Antwort. So kroch der Zug aus der Finsternis des Wasgenwaldes in das weithin klaffende morgengraue Flachland. Im Osten, über der Linie der Schwarzwaldberge, flimmerte der erste Purpurschimmer der Morgenröte ...

Und ergreifend war es dem Pfarrer in Erinnerung, daß plötzlich in jenem Flüchtlingszuge ein Knabe zu singen begann. Mit schöner Bergstimme sang der Sohn der südlichen Elsaßberge das deutsche Volkslied:

»Zu Straßburg auf der Schanz,

Da ging mein Trauern an.

Das Alphorn hört' ich drüben wohl anstimmen,

Ins Vaterland wollt' ich hinüberschwimmen,

Das ging nicht an« ...

Wohl verwies ihm eine scheltende Frauenstimme das unpassende Singen. Aber der Knabe fuhr leiser fort, ohne sich sonderlich einschüchtern zu lassen. Und das trauervolle Lied schwebte fortan über der alemannischen Flüchtlingsschar, wie das Weinen einer Seele, die mit verhülltem Antlitz vor den Dämonen des westlichen Hasses nach Osten flieht ...