Dann ein andres Bild: jener begeisterte Auszug der elsässischen Regimenter aus Straßburg! Wie dröhnte die Meisengasse, wo einst Rouget de l'Isle die Marseillaise gesungen, vom Marschgesang der blumengeschmückten deutschen Soldaten! »Lieb' Vaterland, magst ruhig sein! Fest steht und treu die Wacht am Rhein!« Und winkende Hände und Taschentücher aus allen Fenstern — und heiße Tränen und heiße Hoffnungen! Unbekannte schüttelten einander die Hand: »Auch ein Sohn dabei? Jetzt hat's mit dem Zwitterwesen ein Ende! Jetzt bluten wir miteinander!« Und seht doch, da springt einer aus dem Volk heraus und nimmt dem Fahnenträger begeistert die Fahne ab — und Frauen und Kinder laufen weinend und lachend neben den Todgeweihten einher ... Auch sein Sohn Gustav war dabei, leuchtend von inneren Flammen! ...

Und nun vier Jahre lang schwerer Kampf gegen ungeheure Übermacht! Der letzte deutsche Angriff des Sommers 1918 war leider ebenso mißglückt wie der Angriff der Österreicher an der italienischen Front. Die deutsche Westfront wich langsam, langsam zurück ...

Der Träumer schauerte zusammen. Ein alter Bauer am Rande des Hohlweges trug schwermütig Stangen auf einen Handwagen. Nur flüchtig hatte der Alte bei der einsetzenden Kanonade nach Süden gelauscht. Jetzt klapperten wieder gleichmäßig seine Holzschuhe durch die reine Luft herauf. Sonst kein Laut. Das Dörfchen zu Füßen des Gelehrten schimmerte mehr und mehr in einem letzten lieben Sonnenblick. Das zarte Birkenwäldchen im Garten des Winzers Bieler, unmittelbar neben dem weißen Pfarrhause, stand verklärt und zum Betreten nahe. Wie schön und rein dieses geliebte Land, wenn man sein Bild mit stiller Seele aus etlicher Höhe in sich aufnahm!

Steile Pappeln wuchsen in der Ebene. Sie standen wie feierliche Zypressen auf einem Gottesacker. Die Störche rüsteten nun zur Südfahrt; die Schwalben desgleichen.

»Elsaß gleicht in Wahrheit einem herbstlichen Friedhof«, dachte der Einsame. »Mein Ohr vernimmt ein Lied der Schwermut. Wir sind ungeheuer verlassen, wir Elsässer!«

Der Pfarrer und Professor war musikalisch. Er glaubte jetzt Liszts zweite ungarische Rhapsodie zu vernehmen, die über die Ebene brauste wie ein Heer von Geisterrossen und wieder verwehte — nein, sich verwandelte in ein Notturno oder eine Ballade von Chopin. Dann schien das magische Singen und Klingen wieder verflogen. Ein ganz leiser Abendhauch bewegte die Halme. Des Einsiedlers Blick umschattete sich ...

Aus dem Birkenwäldchen zu seinen Füßen erhob sich eine Gestalt. Die Erscheinung wuchs. Jetzt füllte sie sein Gesichtsfeld aus — und es entspann sich ein Gespräch.

»Wer bist du?« fragte der Seher.

»Die Seele, die du liebst.«

»Wer ist die Seele, die ich liebe?«