»Kinder,« sprach er, »vor wenigen Stunden haben drei von uns eine Art Bund geschlossen oder schließen wollen. Wir wollten ein Land oder eine Möglichkeit aufsuchen, wo man große Gedanken und ein reines Herz ungestört auswirken könnte. Nun? Was ist daraus geworden? Gustav und Fanny: so lang also nur hat unser Bund oder Vorsatz gedauert? Ich wende kaum den Rücken, so pfuscht uns der Teufel ins Handwerk, während Deutschland draußen zusammenbricht. Kinder, Kinder! Das war nicht die Selbstbeherrschung, die ich euch lebenslang gepredigt habe. Hier hattet ihr Gelegenheit, euch einmal groß zu benehmen, schweigend, edel, abweisend —«

»Es war zu empörend!« brach es aus Fannys jungem Herzen heraus. »Du kannst dich nicht hineinversetzen, Onkel Arnold, wie wüst das war! So häßlich diese Stimme — und die Gesinnung dahinter so gemein! Das Gemeine haßt man, so leidenschaftlich als man nur kann!«

»Nun ja, Fanny! Aber verliert doch wenigstens untereinander die Haltung nicht! Ich traf dich ja in wildem Gezänk, Gustav, mit unserem guten Nachbar Bieler! Die Stunde ist ungeheuer ernst und groß; wir brauchen unsre ganze Fassung. Da lest nur das Neueste! Es gibt jetzt bald Frieden im Land, aber freilich einen bittern Frieden. Deutschland geht ins dunkle Tal. Und wir alle mit.«

Der Pfarrer warf die Zeitung auf den Tisch. Niemand griff danach. Lisy fragte seufzend: »Aber, Cousin, was soll man denn tun? Ein Händel mit einem deutschen Offizier ist besonders hierzulande eine arg schlimme Sache. Der Hauptmann kann uns ja alle ins Unglück bringen!«

»Nun, das wollen wir denn doch noch sehen«, erwiderte Arnold. »Ich mache sofort eine Eingabe an das Gouvernement, an den Freund dieses Freiherrn von Stein, der uns neulich besucht hat.«

»Ja, das tu, das ist ein Gedanke!« rief Fanny. »Soll ich die Schreibmaschine herüberholen? Soll ich dir's mit Maschinenschrift schreiben? Ich tippe ja Tag und Nacht und hab' solche Üb— —«

Sie brach mitten im Wort ab. Das Blut schoß ihr ins Gesicht und der Finger an den Mund. Sie stand wie einst in der mißglückten Kantstunde.

»Was schreibst du denn?« fragte Arnold verwundert. Aber er war bereits in Gedanken an dem zu entwerfenden Brief und ging mit einer abwinkenden, nachdenklichen Handbewegung darüber hinweg. »Nein, es ist nicht nötig. Nur Eile tut not. Nachbar Bieler, Sie gehen gleich zu Stürli: er soll sich zurechtmachen, er muß noch ins Städtchen zum Postamt! Ich schreibe inzwischen den Eilbrief an den Oberstleutnant Trotzendorff in Straßburg und zugleich ein Telegramm um Zureiseerlaubnis zu einer persönlichen Aussprache. Komm, Gustav, den Brief setzen wir zusammen auf!«

Arnold ging voraus. Sein Sohn erhob sich sehr mühsam aus seiner gänzlichen Erschlaffung.

Und indem er zögernd stand, reckte er plötzlich wie ein Gähnender oder wie ein Verzweifelter beide Arme in die Luft — und glich in dieser Stellung Laokoon zwischen den Schlangen.