Es dunkelte bereits. Da kam ein Schuljunge den Weinberg heraufgehastet; man hörte seine Holzschuhe schon von weitem klappern. Und seine Stimme scholl von unten zu den spielenden Kindern herauf: »Ist der Pfarrer bei euch, Hans?« Als bejaht wurde, rief es weiter aus der Dunkelheit: »Er soll schnell heimkommen! Es isch ebbs g'schehn!«
Schon unterwegs, unter der Laterne am oberen Brunnenplatz, traf der Pfarrer eine Gruppe von Bürgern und Feldgrauen. Sie besprachen ruhig und mehr hoffnungsvoll als besorgt das deutsche Friedensangebot. Der Pfarrer blieb einen Augenblick stehen. »Was gibt's sonst noch Neues, Nachbarn? Da hat mich eben ein Junge nach Hause gerufen ...« Ach ja, es solle ja eine Prügelei bei Bielers oder so etwas passiert sein, meinten die Leute; und man munkle, der Gustav habe einem Hauptmann ein paar Dachteln 'runtergehauen ... Der friedliebende, menschenscheue Gustav? Das klang merkwürdig.
Eilends nach Hause! Das Pfarrhaus lag finster. Nur die Küche war hell und laut. Schon beim Ablegen des Mantels hörte der Pfarrer Gustavs heiser erregte Stimme, gegen die der alte Bieler nicht durchdrang. »Und woher, Papa Bieler? Ihre Schuld, Ihre Schuld! Warum führen Sie den Mann in den Keller? Warum machen Sie ihn betrunken? Aus Angst! Warum aus Angst? Weil der Georges ausgerissen ist! Seitdem sind Sie ein verängsteter, unsicherer, haltloser Mann — —«
Er verbitte sich solche Sottisen von einem jungen Menschen, wehrte sich der ergrimmte alte Bieler gegen den Aufgeregten, er wisse von allein, was sich schicke und brauche sich keinen — —
»Ruhig, Kinder, ruhig!«
Schweren Schrittes trat der Pfarrer in die Küche. Fanny eilte ihm entgegen. »Gott sei Dank, Onkel Arnold!« Bieler brach ab, zog das Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Alle atmeten auf. Arnolds Frage nach dem Sachverhalt ließ wieder ein lebhaftes Durcheinander aller Stimmen aufwirbeln. Aber Fanny drang durch, gab knappen, klaren Bericht und versäumte nicht, Gustavs mutiges Auftreten zu loben.
»Und jetzt?« rief Gustav, in dem eine trotzige Erregung heftig nachschwang und den schmalen, schlanken Körper in zitternder Spannung erhielt. »Was jetzt, Papa? Zu solchen Deutschen auswandern?! Ja, auf eine deutsche Festung! Jetzt stellen sie mich vors Kriegsgericht. Jetzt reißen sie mir Borten und Achselklappen runter. Jetzt könnt ihr zwei eure Pläne allein machen! Mit mir ist's noch früher aus als mit Deutschland.«
Er griff nach einem Glas, trat an die Wasserleitung und stürzte das kühle Naß hinunter. Worauf er sich auf die Küchenbank setzte, in sich zusammensank und fortan gänzlich schwieg. Lisy stand voll stummer Bestürzung. Alle warteten auf Arnolds Rat.
In ihm schimmerte noch das Weinberghäuschen nach. Und von der andern Seite her schattete das Schwere, das sich über Deutschland herabsenkte. Er blieb gefaßt. Der Händel schien ihm belanglos. Jetzt galt es um gewaltigere Dinge.