Im Oktober 1918.

... O Gustav, Gustav, mir ist bitter weh ums Herz! Meine Spannkraft ist ganz und gar verpufft. Herrschaft, ich werde wohl in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen! Es ist nicht mein zerschossener Fuß, nicht mein persönliches Leid — nein, nein, das ist alles nichtiges Anhängsel. Doch Deutschlands Canossagang! Wir beugen uns, wir kriechen zu Kreuz, wir küssen Wilsons Pantoffel!

Stell' dir den Briefschreiber vor! In einem niederrheinischen Lazarett, noch des Schlachtfelds Unmelodien in allen Nerven, liegt und leidet der Elsässer Erwin Ehrmann. Zornig und traurig, mit eingeschientem Fuß, von einem unhöflichen Stabsarzt behandelt, liest er in der Zeitung Deutschlands Bittgang. Und er liegt wie verhämmert, wie dumm geprügelt von Kopfnüssen des Schicksals. Dazu also hat man so bitterlich geblutet, gehungert, gefroren! Herrgott im Himmel, sind wir denn schlechter als die andren? Allwaltender, was hast du mit deinen Deutschen vor, daß du sie so erbarmungslos in die Asche wirfst?!

Innen und außen haben wir nirgends ein Genie; das ist unser Unglück. Nur den großen und schlichten Hindenburg. In der Diplomatie Stümper und Monokelschöpse, keinen Meister. Die haben unsren tapferen Soldaten diesen gigantischen Krieg gegen solche Übermacht auf den Buckel geladen wie einen überschweren Tornister. Da muß ja der zäheste Landwehrmann und Krummstiefel zusammenbrechen.

Und unser Elsaß? Nach einem Punkt in Wilsons Programm soll das sogenannte »Unrecht von 1870« wieder gutgemacht werden! Unrecht? Die ehrliche Rückeroberung zweier geraubter deutscher Provinzen? Und das Unrecht von 1681?! Reden nicht 90 Prozent von uns deutsch? Weiß der König des Mammonlandes nicht, daß wir Alemannen sind, die 1681 gewaltsam französisch gemacht wurden? Ist dies nun das Selbstbestimmungsrecht der Völker? Ist das Völkerfrieden?

Tausende von uns Elsässern haben in diesem Weltkrieg mit deutschen Kameraden gegen Frankreich und England gekämpft. Darf und kann man uns nun einfach zu französischen Untertanen umfärben, wie man Militärhosen dunkelblau färbt, um ein paar Zivilhosen draus zu schneidern? Kann man Herzen und Zungen umfärben, Gustav?

Ich lasse mich nicht umfärben. Kommen wird einst ein Tag, da wir das Elsaß zurückerobern, wenn sie's jetzt französisch machen. Nach Jena kam Leipzig. Napoleon durchbrauste Deutschland siegreich bis Tilsit — und Europa bis Moskau — und er wurde doch heruntergeholt. Auch die Stunde der Engländer kommt noch!

Ich lasse mich nicht umfärben. Inniger als je fühl' ich mich mit diesem tapfern und geduldigen Deutschland verbunden; besonders da ich hier im Lazarett einen ganz prächtigen Westfalen gefunden habe, den ich nicht nur Kameraden oder Stubengenossen, den ich Freund und Bruder nennen darf. Werde nicht eifersüchtig, Gustav, und ihr andern geliebten Gefährten! Aber mein Dirk ist mein Freund im reinsten Sinne des Wortes. Beglückwünsche mich, Gustav, und freue dich mit mir!

Seine Mutter ist Holländerin. Daher der sonderbare Vorname Dirk. Im übrigen heißt er Schütz und ist Sohn eines Arztes, der vor kurzem gestorben ist. Er selber Ingenieur oder Techniker, blond, blauäugig, gut und fromm. Es gibt ein Jugendbildnis von Albrecht Dürer, mit einer Distel oder dergleichen in der Hand, sehr ausdrucksvoll geschnittene Lippen — dem gleicht er. Reiner Charakter; war in der Berliner inneren Mission praktisch tätig und ist mit Arbeitern stromernd und missionierend im Betrieb gewesen; Wandervogel; ganz Vollendungsdrang. Und eine so stille, stille Art! Er ist viel ruhiger als ich. Ein Granatsplitter hat ihm den rechten Arm übel zerrissen; doch geht von seinem Leidenslager so wohltuende Ruhe aus, daß ich die Stunde segne, in der man mich in diese Stube zu diesen katholischen Schwestern getragen hat.

Bei uns ist noch ein Heidelberger Student, der sehr im Banne moderner Literatur befangen ist. Da las ich denn auch allerlei, las die im Nordland Geborenen Knut Hamsun, Hermann Bang, Strindberg, las die Pariser Anatole France und — ich weiß nicht, was alles! Ahasverische Unruhe dort und hier! Maskentanz! Das pendelt zwischen Gehirn und Unterleib, zwischen Verstand und Sinnlichkeit. Aber sie finden nicht den Ruhepunkt dazwischen: das Herz. So täuschen sie sich und uns mit stilistischen Reizen, Kunststücken und Einfällen über den mangelnden Mittelpunkt hinweg. Nein, nein, ich bin selber lebhaft genug und brauche nicht noch Aufpeitschung. Das ist Wirbel, aber kein Ziel, kein Ideal, kein Gott! Erst ist man von dem Mummenschanz gefesselt und von all den Einzelheiten überrascht — und immer wieder überrascht — bis man diese Überraschungen gelangweilt an die Wand wirft. Seele her! Und rote Wangen!