Dirk hat Seele; Dirk hat Mittelpunkt. Dort sind Kometen, hier ist Sonne. Ein Frommer, kein Frömmler. Schlichte, deutsche, warme Frömmigkeit, die keine Worte macht, die sich durch Ausstrahlung mitteilt. Der Herzschlag wird ruhig in seiner Nähe. Ein Blick seiner stillen Augen — ein Klang seiner tiefen, langsamen Glockenstimme — Gustav, und ich bin ganz voll Frieden. Er ist ein Choral von Bach. Ich sah niemals in so frühem Alter solche Reife. Wenn Deutschland nur ein Dutzend solcher Menschen hat, wird es nicht untergehen. Und es hat sie, mein Gustav, verlaß dich drauf, es hat sie!

Ich lasse mich nicht umfärben. Ich halte Dirks Landsleuten die Treue. Und wenn ich mit zerschossenem Knöchel oder Klumpfuß wieder in die Westmark einhinke — paß auf, Herzensfreund! Dann gründen wir erst recht den Elsaß-Bund! Dann tun wir, was uns die Französlinge vor dem Kriege gelehrt haben, nur umgekehrt: wir halten unter französischer Herrschaft deutsche Sprache und Art hoch, in einem Geheimbund herzlich und heimelig hoch, bis uns ein erstarktes Deutschland wieder zum Mutterlande zurückholt.

Leb' wohl für heute! Die schönste Stunde des hiesigen Tages naht: Dirk will mir wieder einen Brief an seine Mutter diktieren. Heil!

Dein Erwin.


Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen! Ich habe Heimweh, Fanny. Aber hab' ich denn noch eine Heimat? Wenn das Elsaß französisch wird — ist dieses Land dann noch meine Heimat?

Tagsüber bin ich tapfer, liebes Cousinchen. Doch kaum fallen mir die Augen zu, so wandert mein Geist, wandert durch mein geliebtes Elsaß. Beim Wasgenstein, wo Walther um Hildegunde gekämpft hat, und bei der Ruine Fleckenstein fang' ich an. Oben winken Ritter und Landsknechte: »Herauf zu uns, Landsmann!« Unten aber, am Fuße der Felsmassen, zwischen wilden Hecken, legt eine modern-französische Schildwache das Gewehr an: »Qui vive?« Ich streiche dann in bangem Bogen rund herum — überall diese Stahlhelme, die ich nur zu gut kenne! Also weiter — durchs Steinbachtal nach den Burgen Falkenstein und Neu-Winstein, nach dem Hanauer Weiher mit seinen Seerosen, nach Wörth und Fröschweiler, nach Reichshofen und Niederbronn, nach Lichtenberg, Dagsburg, Lützelburg und Hohbarr, nach dem Odilienberg und der Hohkönigsburg! Wie der wilde Wandrer streich' ich den Wasgenwald hinauf und hinab, hinab und hinauf die ganze Nacht — und finde nirgends Obdach!

Fanny, ich bin deutscher Lehrer, Wandersmann und Schneeschuhläufer, ich habe meine Kinder für die Natur und für deutsches Lied, deutsche Kunst, deutsches Dichten und Denken begeistert. Jetzt wollen Wildschweine in meinen Weinberg brechen und alles verwüsten. Denk' ich ans Münster, denk' ich an unsren Sängersaal, wo ich so oft im Männergesangverein mitgesungen, so schießen mir die Tränen in die Augen. Du fühlst das nicht so nach, Fanny, unsereins aber geht daran zugrunde.

Das heißt — zugrunde? Nein, Cousinchen, den Gefallen tun wir ihnen nicht! Ich stelle mich vielmehr auf Kampf ein. Wie das zu geschehen hat, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, daß es geschieht. Du fühlst meinen Seelenzustand nicht nach, geliebte Fanny, verzeih, daß ich's wiederhole! Denn deine Erziehung im Pensionat zu Nancy und eure französischen Brocken im elsässischen Gespräch haben deinem Vaterhause, trotz Onkel Arnolds Nachbarschaft, einen andren Ton gegeben. Mir nicht. Und das ist neben den sämtlichen neunundneunzig herrlichen Dingen, die ich an dir liebe, der einzige Schatten. Aber der Schatten wird nun riesengroß. Verzeih, mein Frohmacherle von einst, mein Freudenbringerle, daß ich das offen ausspreche!

Ich hab' Heimweh, Fanny. Ich möchte in irgend etwas, in irgend jemandem ausruhen. Immerzu war ja Krieg, immerzu Haß! Schon als Kind hab' ich die Mutter, als Knabe den Vater verloren. So sehr ich meine zwei Schwestern liebe — ich weiß nicht — ich hab' halt Heimweh.